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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 20/2014
Wie mich mein Glaube trägt
Von Menschen, die Gott suchen
Der Inhalt:

sozialprotokoll: »Sonst sind sie alle tot«

von Heike Baier vom 24.10.2014
Oarde Rothe will ihre Eltern und Geschwister retten. Mithilfe ihres Mannes kämpft sie darum, sie aus Syrien nach Deutschland zu holen

Letzte Nacht habe ich geträumt, sie schießen auf meine Mutter. Mama hat eine Pistole und schießt zurück. Sie trifft den Angreifer am Kopf, das Blut fließt herunter. Da bin ich hochgeschreckt. Zwischen mir und meinem Mann lag unser kleiner Sohn. Ich quetschte mich wieder neben die beiden und schlief irgendwann weiter. Mein Hals ist heute noch ganz steif davon. Solche Träume habe ich jede Nacht. Sie sind nicht realistisch, eher wie diese Filme mit viel Blut und Schießerei.

Ich habe ja nie mit eigenen Augen gesehen, wie es meiner Familie in Syrien jetzt ergeht, sondern erfahre alles nur aus ihren Erzählungen. Zwei- bis dreimal pro Woche verabrede ich mich mit meiner älteren Schwester zum Telefonieren übers Internet. Sie geht dann nach der Arbeit in ein Internet-Café, und wir reden per »Skype«.

Meine Eltern und meine vier erwachsenen Geschwister wohnen in einem Haus in Qamischli, einer Stadt im Nordosten von Syrien, direkt an der türkischen Grenze. Im Moment sind die IS-Terroristen noch mit dem Kampf um Kobane beschäftigt. Aber sie rücken immer näher; Dörfer in nur zwanzig Autominuten Entfernung sind schon in den Händen der Terroristen. Mein Bruder darf das Haus nicht mehr verlassen, denn die IS-Leute fahren in Pick-ups durch die Straßen und erschießen alle jungen Männer, damit die später nicht gegen sie kämpfen können. Langsam werden auch die Lebensmittel und das Wasser knapp. Als meine Mutter kürzlich im Fluss Wasser holte, schwamm ein Kopf an ihr vorbei.

Meine Familie hat immer mehr Angst. Wenn der IS unsere Stadt erobert, droht ihnen der Tod. Denn wir sind aramäische Christen. Früher haben wir gut mit den Moslems in der Stadt zusammengelebt, heute traut keiner mehr seinem Nachbarn. Einmal nur konnte ich mit meiner Mutter skypen. Da sagte sie: »Wir können nicht mehr hier bleiben, sonst sind wir alle tot.«

Schon davor hatten mein Mann Christian und ich verstanden, dass wir sie herholen müssen. Doch wie das geht, das sagt einem niemand einfach so. Die Informationen musste sich Christian nach und nach besorgen. Mit Schleusern wollten wir nicht arbeiten, denn das wäre sehr gefährlich gewesen für meine Schwestern. Sie sind alle hübsch, meine Mädels. Dann erfuhren wir endlich, welche Voraussetzung wir erfüllen müssten, um Fami lienangehörige nach Deutschland zu holen. Hier in Rheinland-Pfalz ist das ohne Asylantrag erlaubt, wenn jemand für den Le

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