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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 20/2010
Strom ohne Atom
Der Konflikt, die Bewegung, die Zukunft
Der Inhalt:

Wie Pakete quer durch Europa geschickt

von Bettina Röder vom 22.10.2010
Die Kirchenasylbewegung aus Europa und Amerika kommt in Berlin erstmals zusammen. Und verabschiedet eine Charta

Zur Mittagszeit klingelte es an der Tür. Draußen stand eine junge, zierliche Iranerin mit Todesangst im Gesicht. Drei finnische Freundinnen waren mitgekommen, sie hatten vorher angerufen und gefragt, ob der Pfarrer von Turku die Iranerin verstecken könne. Wenn Jouni Lehikoinen sich an diese Begegnung erinnert, ist er heute noch bewegt. Denn Naze Aghai schwebte in Lebensgefahr. Sie war über die Türkei und Russland nach Finnland geflohen, weil sie als Kurier der verbotenen Komalah-Partei aufgeflogen war. Ihr Asylantrag war von den finnischen Behörden abgelehnt; nun drohte ihr die Abschiebung und daheim in der Islamischen Republik Iran die Todesstrafe. Jouni Lehikoinen ließ die Iranerin herein. Es war das erste öffentliche Kirchenasyl in Finnland. Das war vor genau drei Jahren, und es hatte Erfolg.

Der große, kräftige Mann steht in der Heilig-Kreuz-Kirche in Berlin vor einem der kleinen Stehtische in der Cafeteria und rührt in seiner Kaffeetasse. Wenn der finnische Pastor spricht, beugt er sich zu seinem Gesprächspartner herab, schaut ihn aus braunen Augen aufmerksam an. Naze Aghai hat nach einem Jahr Kirchenasyl einen unbegrenzten Aufenthalt in Finnland bekommen. Sie lernt nun die Sprache und lebt in einem Kloster, erzählt er nicht ohne Stolz über die Rettung eines Menschen.

»Die Medien haben uns geholfen, die Kirche war skeptisch bis ablehnend«, sagt er und knöpft fast wie zum Schutz sein schwarzes Cordjackett zu. Dass Kirchenasyl in den eigenen Reihen mehr gelitten als akzeptiert wird, ist eine Erfahrung, die er mit vielen anderen teilt. Wie auch die, dass achtzig Prozent der Kirchenasyle erfolgreich sind. In die Heilig-Kreuz-Kirche, in der es 1983 das erste Kirchenasyl gab, hat an diesem Herbstwochenende die Bundesarbeitsgemeinschaft Asyl in der Kirche eingeladen. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte kommt die Bewegung in solch internationaler Besetzung zusammen. Die gut sechzig Teilnehmer aus sechs Ländern Europas wie auch aus den USA und Kanada verabschieden gemeinsam eine Charta. Denn während hierzulande über Sarrazin und die Integration gestritten wird, wurden die Außengrenzen Europas so gut wie dicht gemacht. Mit tödlichem Erfolg.

So jedenfalls erklären es die Teilnehmer aus den verschiedenen Ländern in der einstimmig verabschiedeten »Charta der neuen Kirchenasylbewegung in

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