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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 20/2010
Strom ohne Atom
Der Konflikt, die Bewegung, die Zukunft
Der Inhalt:

Die Wunde, die nicht heilen kann

von Dieter Funke vom 22.10.2010
Traumatisierungen stehen am Anfang des Christentums. Welche Zukunft hat es?

Nach dem Bekanntwerden der sexuellen Gewalttaten in der katholischen Kirche hat es mehrere Monate gedauert, bis der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, endlich einen Schritt in die richtige Richtung tat: nämlich Selbstreflexion einzufordern, die Hintergründe zu bedenken und nicht nur bei kurzatmiger pastoraler Hektik stehen zu bleiben.

Bisher stand die Sorge um die Befleckung des eigenen Kleides im Vordergrund der katholischen Kirche: Ihr Klerikerideal war beschmutzt und die Beschämung darüber offensichtlich größer als die Fähigkeit, mit den Opfern zu leiden und gemeinsam mit ihnen die Verletzungen zu bearbeiten. Dies würde auch erst möglich, wenn die Kirche ihre eigene Wunde spüren könnte, die sich hinter dem Konflikt zwischen Sexualität und klerikalem Ideal verbirgt.

Dann könnte sie auch daran zu leiden beginnen. Denn leiden können ist die Voraussetzung für Einsicht, Entwicklung und Heilung. Stattdessen wurde um eine fragwürdige Entschuldigung gebeten, die auf die Opfer wie eine zweite Traumatisierung wirkt, da die Opfer die Täter in den Zustand der Unschuld versetzen sollen.

Genau dieses Klerikerideal ist das Problem. In ihm zeigt sich der ungelöste Konflikt, der der sexuellen Gewalt durch Priester zugrunde liegt: Es ist der Konflikt zwischen Sexualität und Körperlichkeit auf der einen und einem sakralen, entsexualisierten Leib auf der anderen Seite. Im Klerikerideal wird dieser ungelöste Konflikt sichtbar, der die Kirche von Anfang an begleitet. Er reißt immer wieder eine Wunde auf, die infolge der Fortdauer dieses Konflikts nicht heilen kann. Weil er weitgehend verdrängt wird, verschafft er sich im Missbrauchsskandal und dessen Bekanntwerden einen Weg an die Oberfläche des öffentlichen Bewusstseins.

Die Spaltung

Das Klerikerideal bildet so etwas wie die kollektive Leitidee der katholischen Kirche. Es besteht in der Vorstellung, dass ein asexuelles Leben ethisch höher steht als gelebte Sexualität. Der Grund, sich diesem Ideal zu unterwerfen, liegt darin, dass es denen eine hohe narzisstische Belohnung in Aussicht stellt, die sich aufgrund ihrer unreifen Persönlichkeitsentwicklung von einem Leben ohne sexuelle Beziehungen angezogen fühlen.

Nicht der Zölibat an sich ist das Problem – den gibt es auch in anderen Re

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