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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 20/2010
Strom ohne Atom
Der Konflikt, die Bewegung, die Zukunft
Der Inhalt:

Unbeherrschbar

von Tomas Gärtner vom 22.10.2010
Das Deutsche Hygiene-Museum in Dresden präsentiert eine anregende Ausstellung über Religion als »Kraftwerk«

Menschen auf der Suche nach Antwort. Langsam bewegen sie sich zwischen Inseln aus graubraunem Filz, in fast andächtiger Stille. Über ihnen, auf hauchzarte Stoffbahnen und an die dunklen Wände projiziert, wirbeln Buchstaben durcheinander, die sich schließlich zu Zitaten fügen. In dem einen fragt Voltaire, was man denn jemandem sage, der einem den Hals umdrehe, überzeugt davon, damit den Himmel zu verdienen? Worauf die These des Staatsrechtlers Ernst-Wolfgang Böckenförde erscheint, dass der freiheitliche, säkularisierte Staat von Voraussetzungen lebe, die er selbst nicht garantieren könne. Ist Religion nun gefährlich? Ist sie nötig? Was überhaupt ist Religion?

Eine Art »Kraftwerk«, behauptet diese neue Ausstellung im Deutschen Hygiene-Museum Dresden in ihrem Titel. »Man kann positive Energien aus religiösen Überzeugungen gewinnen«, sagt Museumsdirektor Klaus Vogel. »Aber wie ein Kraftwerk kann sie auch eine unbeherrschbare Dynamik entwickeln.« Beide Pole sollen zu sehen sein: das friedliche Potenzial und die destruktiven Elemente.

Das Besondere dieser Schau ist die Perspektive: Vor allem Christentum, Judentum, Islam, Buddhismus, Hinduismus sind vertreten, werden jedoch nicht religionskundlich präsentiert. Stattdessen stellt das »Museum vom Menschen« Fragen an die Gläubigen. Etwa: »Macht Religion die Welt friedlicher?« Oder: »Gibt es Grenzen der Religionsfreiheit?«

Nicht eine Antwort erhält man darauf, sondern viele verschiedene. In Videos äußern sich evangelische und katholische Bischöfe, Nonnen, orthodoxe oder liberale Juden, Hindus, Buddhisten, Musliminnen – vom Würdenträger bis zur Schülerin. Zu Wort kommen auch Atheisten. Bewusst haben die Gestalter der Ausstellung die gegenwärtige kirchliche Situation Sachsens als Ausgangspunkt gewählt. Neben den anderen ostdeutschen Bundesländern zählt der Freistaat zu den am stärksten säkularisierten Regionen. Nicht einmal ein Viertel der Einwohner sind Christen – 20,7 Prozent evangelisch, 3,6 Prozent katholisch.

Religionsverächter lädt diese Ausstellung ebenso ein wie tief Gläubige. Sie alle können sich aus der Menge gegensätzlicher Argumente das Ihre herauspicken und sich damit selbst bestätigt finden. Doch gerade dies soll ihnen hier schwer gemacht werden. »Wir wollen bei den Besuchern temporäre Verwirrung erzeugen«, sagt Petra Lutz, die Kuratorin der Ausstellung. »S

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