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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 20/2010
Strom ohne Atom
Der Konflikt, die Bewegung, die Zukunft
Der Inhalt:

Der Koran wird überstimmt

von Britta Baas vom 22.10.2010
Sakineh Aschtiani droht die Steinigung. In das Entsetzen mischt sich Unbehagen: Wie viel Westen steckt im heutigen Islam?

Sakineh Mohammadi Aschtiani, 43-jährige Iranerin, ist in Deutschland sehr bekannt. Ihr Foto ist seit Wochen in den Zeitungen und im Internet zu finden. Es zeigt ihr Gesicht, schmal und ungeschminkt, den Rest des Kopfes umhüllt ein schwarzer Tschador. Sie schweigt. Dafür sprechen und schreiben andere über sie: Sakineh Aschtiani wurde von einem iranischen Gericht zum Tod durch Steinigung verurteilt. Sie soll die Ehe gebrochen und anschließend einem Dritten geholfen haben, ihren Mann umzubringen.

Sakineh Aschtiani hat zwei erwachsene Kinder, die seit der Inhaftierung ihrer Mutter für deren Freilassung kämpfen. Zwei deutsche Journalisten, die im Iran über den Fall recherchierten, wurden jüngst mitten im Interview mit Aschtianis Sohn und dem Anwalt der Angeklagten festgenommen. Auch von Sohn und Anwalt ist seitdem nichts mehr zu hören. Mit großer Wahrscheinlichkeit wurden auch sie verhaftet.

Tausende von Menschen haben sich unterdessen allein in Deutschland für Aschtianis Freilassung stark gemacht. Der Grund für die große Anteilnahme an ihrem Fall ist vor allem in der Art der angedrohten Strafe zu suchen: Eine Steinigung wirkt im 21. Jahrhundert unfasslich barbarisch. In Westeuropa erscheint sie zudem als »islamisch«, wird sie doch nur in einigen vom Islam geprägten Staaten angewandt: im Iran, Irak, in Saudi-Arabien, in den Vereinigten Arabischen Emiraten, in Afghanistan, in der indonesischen Provinz Aceh, im Jemen, in Nigeria, Somalia und im Sudan.

Ist Steinigung »islamisch«?

Doch wie islamisch ist eine Steinigung wirklich? »Zunächst einmal ist sie historisch gesehen eine Strafe, die jüdische Rechtstraditionen fortsetzt«, sagt Thomas Bauer, Professor für Islamwissenschaft und Arabistik in Münster. Verbrechen »an Gott und dem ganzen Volk« wurden in dieser Weise geahndet. Die Steinigung galt als von der Thora geforderte Hinrichtungsart bei Vergehen wie etwa Götzendienst und Ehebruch. Der Koran sieht die Steinigung dagegen nicht als Strafe vor.

Gleichwohl findet sie Eingang in islamische Rechtsschulen, die sich nach dem Tod Mohammeds herausbilden. Der Koran wird gewissermaßen »überstimmt«. Doch um eine Steinigung durchzuführen, sind hohe Hürden zu überwinden: Allein der Tatbestand, dass es vier Zeugen braucht, die die Tat im Detail beobachtet haben müssen und die sich nicht widersprechen dürfen, zeigt, dass ei

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