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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 20/2010
Strom ohne Atom
Der Konflikt, die Bewegung, die Zukunft
Der Inhalt:

»Ich habe versucht, diesen Wahnsinn zu stoppen«

von Anna Hunger vom 22.10.2010
Dietrich Wagner, Ingenieur im Ruhestand, demonstrierte gegen Stuttgart 21. Jetzt ist er fast blind

Ich hatte an diesem Donnerstag mit einer friedlichen Demonstration gerechnet. Jetzt liege ich hier im Katharinenhospital und weiß nicht, ob ich jemals wieder richtig Zeitung lesen kann.

Eigentlich wollte ich nur mal gucken, wie viele Schüler sich beteiligen an der Schülerdemo gegen Stuttgart 21. Ich wollte wissen, wie gut sie informiert sind und ob sie überhaupt wissen, gegen was sie da demonstrieren. Denn viele junge Leute engagieren sich heute überhaupt nicht mehr und haben auch keine Ahnung von Politik. Also bin ich morgens mit dem Fahrrad zum Schlossgarten gefahren. Ich habe mit den Jugendlichen geredet und war überrascht, wie gut sie Bescheid wussten. Das hat mich beeindruckt.

Dann bin ich mit den jungen Leuten mitgelaufen. Ich bin 66 Jahre alt, und das letzte Mal, dass ich davor auf einer Demo war, liegt schon dreißig Jahre zurück. Während der Friedensbewegung habe ich damals bei der Friedenskette von Stuttgart nach Ulm mitgemacht. Mit Stuttgart 21 hatte ich mich zunächst wenig beschäftigt. Anfangs fand ich dieses Projekt sogar gut. Aber je mehr ich mich damit befasst habe, desto klarer wurde mir, dass es unsinnig ist: Stuttgart 21 bringt uns fast keine Vorteile, außer dass wir fünf Minuten früher in Ulm ankommen. Und vielleicht ein paar Arbeitsplätze mehr. Das Fällen der Bäume hätte mich nicht mal so sehr gestört, wenn das Projekt ansonsten einen Sinn machen würde, was es aber nicht tut. Deshalb habe ich Mitte August damit angefangen, zu den Montags- und Freitagsdemos zu gehen.

Am Donnerstag, dem 30. September stand ich also im Schlosspark – etwa fünfzig Meter entfernt vom Biergarten. Da standen Polizisten, einige Schüler und andere Demonstranten. Dann brachten die Polizisten diese »Hamburger Gitter« und stellten sie auf. Ich habe zwei Wasserwerfer gesehen. Ein Scheinwerferwagen war auch dabei. Dann haben sie angefangen, mit den Wasserwerfern schräg in die Luft zu schießen. Die Schüler waren aufgebracht. Alle wurden nass. Und ich bin sicher, im Wasser war Reizgas drin, denn alle mussten husten. Die Leute waren empört. Aber da wurden die Wasserwerfer noch nicht direkt auf Menschen gehalten.

Der Strahl der Wasserwerfer schoss Kastanien von den Bäumen. Die kamen runter in rauen Mengen. Da wurden dann Kastanien geworfen – aber ohne jeglichen Effekt, weil die Polizisten mit dicken Uniformen, Helmen und Visiere

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