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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 20/2010
Strom ohne Atom
Der Konflikt, die Bewegung, die Zukunft
Der Inhalt:

Entschlossenes Schweigen

von Susanne Stiefel vom 22.10.2010
Die Kirchen wollen sich aus dem Konflikt um Stuttgart 21 heraushalten – und ernten dafür Kritik aus den eigenen Reihen

Nicht immer sind sich der württembergische Landesbischof Frank Otfried July und der Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart, Gebhard Fürst, so einig wie ausgerechnet bei Stuttgart 21. Einem Projekt, das die baden-württembergische Landeshauptstadt spaltet wie kein Projekt zuvor. Nachdem sie lange geschwiegen hatten, gaben sie am 6. September eine gemeinsame Erklärung ab, die ihre Position der Nichteinmischung verdeutlichen sollte: »Als Bischöfe und Kirchen äußern wir uns nicht zu verkehrspolitischen Entscheidungen.« Auf keinen Fall wollten sie Partei ergreifen, weder für Gegner noch für Befürworter, auch und gerade in einer aufgeheizten Situation. »Wir nehmen in diesem Konflikt Partei für die Menschenwürde und für einen Umgang in der inhaltlichen Auseinandersetzung, der dem sozialen Frieden dient«, hieß es in der Erklärung weiter.

Vielen Mitgliedern der beiden Landeskirchen ist diese offizielle Linie zu indifferent. Für sie ist Stuttgart 21 längst mehr als nur eine verkehrspolitische Entscheidung. »Viele Leute klagen, die Kirche halte sich bei diesem Thema zu sehr zurück«, berichtet ein Pfarrer am 15. September bei einem vom evangelischen Stadtdekan Hans-Peter Ehrlich initiierten Treffen Stuttgarter Pfarrer und Pfarrerinnen. Dieser Meinung ist auch Guntrun Müller-Enßlin, Pfarrerin der Wolfbuschgemeinde in Stuttgart-Weilimdorf und überzeugte S-21-Gegnerin. In einem offenen Brief an die Kirchenleitung bezweifelt sie, dass die Kirche in diesem Konflikt unparteiisch bleiben könne.

Die 52-jährige Pfarrerin kritisiert deren Rückzug auf eine »unsägliche Raushalte-Position« mit ihrer Ansicht nach fragwürdigen Argumenten, die den zahllosen, im Widerstand gegen S 21 engagierten Christen und Kirchenmitgliedern weder verständlich noch vermittelbar seien. »Indem Kirche keine Stellung bezieht, steht sie immer auf der Seite der Macht und des herrschenden Status quo und macht sich zu deren Handlanger«, so ihre scharfe Kritik. Und weiter: »Wenn sich große Bevölkerungsgruppen gegen einbetonierte Machtpositionen zur Wehr setzen, kann sich die Kirche nicht unparteiisch geben.« Religion sei nicht nur eine Privatsache, sondern habe eine ethische Komponente. Im Fall Stuttgart 21 sei das die Verschiebung von Milliarden von Steuergeldern von unten nach oben sowie der Kahlschlag Hunderter alter Bäume. »Sich hier herauszuhalten oder gar nobel eine Vermittlerrolle in Aussicht zu stellen

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