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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 20/2010
Strom ohne Atom
Der Konflikt, die Bewegung, die Zukunft
Der Inhalt:

Der lange Schatten des Slobodan Milosevic

von Stephan Ozsváth vom 22.10.2010
Vor zehn Jahren stürzte das Volk den Diktator. Ein Besuch in Belgrad bei den Akteuren von damals

Ein Neubauviertel in Novi Beograd, der Trabantenstadt am Westufer der Save: Unter Brücken hausen Roma in Wellblechhütten, die vor Schmutz starren. Die blonde Olga Lazarevic hat hier eine Wohnung für sich und ihren fünfjährigen Sohn gekauft. Die Preise sind westlich. »Ein Autogaragenplatz kostet 20 000 Euro«, erzählt sie und nippt an ihrem Mineralwasser. Dann kommt sie auf das Datum zu sprechen, das ihr Leben verändert hat. »Vor zehn Jahren, am 5. Oktober 2000«, erinnert sie sich, »war hier eine tolle Atmosphäre.« An diesem Tag gingen Hunderttausende Serben gegen Slobodan Milosevic auf die Straße. Sie stürmten das Parlament und den Fernsehsender RTS. Einen Tag später trat der Diktator und Kriegsverbrecher zurück.

Am 5. Oktober 2000 studiert Olga Lazarevic Germanistik. Sie lernt gerade, als sich die Demonstranten formieren. »Auf der Brücke stand eine lange Schlange Autobusse, Tausende waren unterwegs mit Fahnen und Trillerpfeifen.« Auch sie reiht sich ein. Es geht in Richtung Innenstadt, zum Parlament. Auch Ljubisav Djokic ist dorthin unterwegs. Der Bauunternehmer hat einen Bagger. Er ist mit Propaganda beklebt. »Ich wollte Milosevic stürzen«, erzählt der Rentner heute. Als er am Parlament in der Innenstadt ankommt, haben Demonstranten bereits begonnen, Molotowcocktails in die Fenster zu werfen. Die Polizei antwortet mit Tränengas. »Ich fuhr mit dem Bagger ans Parlamentsgebäude«, erzählt Djokic, »hob ein paar Leute in die Baggerschaufel – und dann legten sie auch im ersten Stock Feuer.« Die Demonstranten fordern den Rücktritt des Diktators. Sie protestieren – nicht zum ersten Mal – wegen der Fälschungen bei der Wahl, diesmal der vom 24. September. Und sie fordern: Auch die Führung des Milosevic-Sprachrohrs muss zurücktreten.

»Bagger-Joe«, wie ihn seine Freunde nennen, fährt vom Parlament wenige Häuserblocks weiter, zum RTS. »Ein paar Polizisten hatten sich dort verschanzt – die schossen auf mich«, erzählt er. Projektile prallen an der Baggerschaufel ab, aber »eins zerfetzte meinen Jackenärmel«.

Einige Kilometer entfernt von seiner Wohnung, in einer Kiesgrube, steht heute das Wrack des Baggers. Das Metall ist verrostet, aber die Einschusslöcher in der Windschutzscheibe sind noch gut zu sehen. Bagger-Joe hat versucht, die Baumaschine im Internet zu verkaufen. Vergeblich. Auch dem historischen Museum in Belgrad hat er sie angeboten. »Die wollten ihn aber nur umsonst

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