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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 19/2017
Cyberwar
Stell dir vor, es ist krieg und keiner merkt es
Der Inhalt:

Sozialprotokoll: »Hier möchte ich sein«

von Annette Lübbers vom 13.10.2017
Abdul Hussein Saleh (72) war 19 Jahre alt, als er nach Deutschland kam. Nun feiert der Arzt sein 35-jähriges Praxisjubiläum

Dieses Land ist ein gutes Land. Ich finde, wir in Deutschland können stolz sein auf die Humanität, die Menschen in der Flüchtlingskrise bewiesen haben. Vor allem wenn man in den Nachrichten verfolgt, wie einige osteuropäische Länder mit den Flüchtlingen umgehen. In dem kleinen sauerländischen Städtchen, in dem ich als Internist praktiziere, habe ich viel mit Flüchtlingen zu tun. Natürlich sind mir nicht alle gleich sympathisch. Manche fordern von mir teure Sonderbehandlungen, nur weil ich aus ihrem Kulturkreis stamme.

Geboren wurde ich als Sohn iranischer Eltern in der irakischen Stadt Kerbala. Die medizinische Versorgung war damals sehr schlecht. Entweder überlebte man seine Krankheiten – oder starb an ihnen. Schon als 15-Jähriger wusste ich, dass ich Arzt werden wollte. Das allerdings war im Irak sehr schwierig. Medizin studieren durften nur jene jungen Männer, die in jedem Fach hundert Prozent erreichten. Das hatte ich nicht geschafft, also blieb mir nur die Möglichkeit, es im Ausland zu versuchen. Eigentlich wollte ich nach London, aber ein Freund, der in Marburg Medizin studierte, nahm mich im Herbst 1963 nach einem Heimaturlaub mit nach Deutschland. Eine abenteuerliche Reise durch Jordanien, Syrien, den Libanon, die Türkei und Österreich.

Zwei Monate lernte ich am Goethe-Institut in Brilon Deutsch. In der ersten Zeit begleitete mich die Angst, jemand könnte mir Schweinefleisch unterjubeln. Wahrscheinlich gehörte deshalb der Satz »Ich liebe Brötchen sehr mit Butter und Marmelade« zu den ersten Sätzen, die ich halbwegs fehlerfrei sagen konnte. Im ersten Jahr in Deutschland habe ich versucht, wie ein frommer Muslim zu leben. Ich habe im Ramadan gefastet und gebetet, wie es mein Glaube vorsieht. Dann habe ich aufgegeben. Es gab einfach zu viele Versuchungen, und die deutschen Mädchen – und die deutschen Schnitzel – stellten meine Standhaftigkeit auf eine zu harte Probe. Noch während meines Studiums in Frankfurt am Main habe ich meine deutsche Frau kennengelernt und geheiratet. Einfach war das nicht. Für meine Schwiegereltern war ich damals nur ein armer Ausländer, und sie mochten mich nicht. Erst als sie sahen, dass ich meiner Frau treu war und gut für sie sorgte, veränderte sich ihre Haltung zum Positiven. Ich hatte kein Problem damit, dass unsere beiden Kinder evangelisch getauft wurden und deutsche Namen bekamen. Schließlich war und ist Deutschland ihre Heimat. Mein Sohn ist heute ei

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