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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 19/2015
»Der Papst muss liefern«
Publik-Forum-Streitgespräch über Reformen in der katholischen Kirche
Der Inhalt:

Moderner Minnesang

von Sara Mierzwa vom 09.10.2015
Dichterlesung mit Wettkampfcharakter: Poetry-Slams gibt es inzwischen in mehr als hundert Städten in Deutschland

Samstagabend in der Darmstädter Szenekneipe »Krone«: Der Saal ist voller junger Leute, so voll, dass ein paar von ihnen auf dem Boden sitzen müssen. Sie alle warten auf die Dichter, die hier im Wettstreit gegeneinander antreten werden. Es ist bereits das 27. Mal, dass auf dieser Bühne ein »Poetry-Slam« stattfindet, ein Wettstreit junger Poeten.

Hinter der Bühne sitzen fünf Dichter auf einer Bierzeltgarnitur und warten auf ihren Auftritt. Es riecht nach Zigarettenqualm. Das Los entscheidet, wer beginnt. Yannick Steinkellner aus Graz steht in Jeans und T-Shirt als Erster auf der Bühne. Sein Thema: Verdrehte Rollen in der Familie.

Die Mutter spielt Computer und veröffentlicht Trinkspiele bei Facebook, während ihr Sohn das Holz mit der Kettensäge schneidet und den Internetkonsum seiner Mutter kritisiert. Der Text hallt rhythmisch, reimlos, stakkatohaft in den Saal, es klingt wie ein Rap. Manchmal taucht ein lustiges Wortspiel auf. Das Publikum zwischen zwanzig und vierzig Jahren, darunter viele Studenten und Uniabsolventen, lacht. Selbstironie wird an diesem Abend noch öfter vorkommen. Der laute Applaus bringt Yannick eine Runde weiter.

Der Poetry-Slam – wörtlich: »Dichterschlacht« – ist eine verbreitete, aber von den Feuilletons noch weitgehend ignorierte Kulturform. Moderne Poeten lesen nicht nur in Kaffeehäusern, sondern vor allem in Kneipen, Jugendhäusern und Kleinkunsttheatern. Die Tradition des Dichterwettstreits, wie man ihn aus dem 13. Jahrhundert von der Wartburg kennt, lebt darin weiter. Von Hamburg bis Sonthofen und von Aachen bis Bremen: Deutschlandweit finden regelmäßig Poetry-Slams statt. Die Veranstaltungstitel sind so vielfältig wie die dort vorgetragenen Texte: Kopfnuss, Lesebühne, Slamassel, Wortgefecht oder Sprechakt. In Darmstadt heißt es »Krone Slam«, wie die Kneipe, in der monatlich ein Poetry-Slam stattfindet.

»Mir gefällt die Mischung aus Humor und Gesellschaftskritik«, sagt der 23-jährige David aus Kassel, der hier im Publikum sitzt und laut für Yannick applaudiert. Auch der 35-jährigen Katja gefällt »das hohe intellektuelle Niveau« der Texte.

Beim Auftritt ist aber nicht nur der sprachliche Ausdruck ausschlaggebend, sondern auch die Performance der Dichter. Der Eindruck der Texte wird durch theatralische Elemente und die bewusste Selbstinszenierung des Vortragenden

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