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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 19/2015
»Der Papst muss liefern«
Publik-Forum-Streitgespräch über Reformen in der katholischen Kirche
Der Inhalt:

Göttliches Daddeln

von Esther Lehnardt vom 09.10.2015
Computerspiele greifen immer wieder religiöse Motive auf. Ein Grund für Theologen, sich das Phänomen endlich genauer anzuschauen

Der Raum ist von Kerzen erleuchtet. Hinter einem Altar zeigen wunderschöne Glasfenster das Bild einer Frau in altertümlichem Gewand. Auf dem Altar liegt ein Buch, auf dem man die Überschrift »Saint John« erkennen kann. Geht man weiter, hört man die Stimme eines Predigers. »Liebt den Propheten, denn er liebt den Sünder«, verkündet er. Was an eine Szene aus einer katholischen Messe erinnert, ist der Beginn des Computerspiels Bioshock Infinite.

Tatsächlich tauchen immer wieder religiöse Elemente in den angeblich doch so säkularen Computerspielen auf. Diesem Phänomen versucht der praktische Theologe Michael Waltemathe an der Universität Bochum wissenschaftlich auf den Grund zu gehen. »Computerspiele haben die Tendenz, Gesellschaft abzubilden und dabei bestimmte Aspekte hervorzuheben«, sagt Waltemathe. Es sei also »nur logisch, dass Religion auch in den Spielen vorkommt – wenn auch manchmal auf etwas schräge Weise«. Und sie kommt zuhauf vor: Die Nacht elfen im Online-Rollenspiel World of Warcraft grüßen sich mit den Worten »Friede sei mit dir«. Im Strategiespiel Anno 1404 fordern die Bürger der neu zu besiedelnden Insel, dass – je nach Weltregion – entweder eine Kathedrale oder eine Moschee für sie gebaut wird, und im Actionspiel Assassins Creed deckt man als Spieler eine Verschwörung im Vatikan auf.

»Faszinierend« findet es Waltemathe, wenn sich die virtuelle Realität der Spiele und die gelebte Religion der Spieler vermischen. So gab Breen Malmberg, ein Kunde des Online-Spiele-Shops Steam, das Spiel Bioshock Infinite zurück, weil sich der Protagonist im Spiel taufen lassen musste, um in die himmlische Stadt Columbia zu kommen. Tatsächlich erinnert die Taufzeremonie durch die trinitarische Formel »im Namen des Propheten, der Gründer und des Herrn« stark an die christliche Taufe. Für den gläubigen Christen Malmberg kam das einer Wiedertaufe gleich; er ließ sich sein Geld zurückgeben.

Doch in den virtuellen Welten werden nicht nur bekannte Rituale adaptiert, sondern auch ganze Religionen entwickelt. So ist es im Ego-Shooter Grand Theft Auto V möglich, sich dem »Epsilon Programm«, das stark an Scientology erinnert, anzuschließen. Die religiöse Gruppierung verlangt, dass die Spielfigur eine blau-weiße Robe t

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