Zur mobilen Webseite zurückkehren
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 19/2015
»Der Papst muss liefern«
Publik-Forum-Streitgespräch über Reformen in der katholischen Kirche
Der Inhalt:

Spiritprotokoll: Die Schönheit schauen

von Gunhild Seyfert vom 09.10.2015
Pilgern auf Buddhistisch: Das heißt, zehn Tage zu wandern, zu schweigen – und nicht zu jammern. Unsere Autorin hat es versucht

Ich will gehen, einfach nur gehen. Meinen ständigen Sitzplatz im Büro verlassen und endlich draußen sein. Unter freiem Himmel schlafen und mich in der Natur bewegen. Mir selbst dabei nahekommen und vielleicht auch dem Geheimnis Gottes – in der Schönheit seiner Werke, in der Begegnung mit anderen Menschen, im Blick auf leuchtende Sterne in der Nacht.

Zusammen mit meinem Mann melde ich mich übers Internet für den Dharma-Yatra an. »Yatra« ist ein Wort in Pali, der Sprache der alten buddhistischen Texte, und bedeutet: der Weg. »Dharma« kann man mit »die Lehren Buddhas« umschreiben. Jeden Sommer treffen sich mehr als hundert Leute aus mehreren Ländern in Südfrankreich, um zehn Tage lang buddhistisch inspiriert unterwegs zu sein. Sie wollen schweigend pilgern und meditieren, sehr einfach leben und im mitgebrachten Zelt schlafen. Sich als »Sangha«, als Gemeinde, zusammenfinden, achtsam miteinander und mit der Natur umgehen.

Mit der Bahn fahren wir eine Nacht und einen Tag lang zu einem Dorf 150 Kilometer südlich von Grenoble. Der Dharma-Yatra beginnt in den Rhône-Alpen. Wir haben so etwas noch nie gemacht und sind ein bisschen aufgeregt. In einer langen Schlange, zusammen mit Alten, Jungen und sogar kleinen Kindern, ziehe ich Schritt für Schritt langsam bergauf. Es ist heiß, der Weg steinig, und ein böiger Wind bläst unfreundlich ins Gesicht.

Sonst lebe ich in Norddeutschland auf fünfzig Meter über Normalnull, hier sind es plötzlich 1800 Meter. Die Luft wird dünn, ich komme ins Keuchen, laut pocht mein Herz in der Brust.

»Nimm deinen Atem wahr, spüre dein Herz, öffne dich.« Ja, zuvor hatte ich kluge Anweisungen zu Achtsamkeit und Meditation gelesen. Aber ich gebe zu: So intensiv körperlich hatte ich es mir nicht vorgestellt.

Wunschbilder tauchen in mir auf, während es schwitzend bergauf geht: von einem Berggasthof, mit schattigen Plätzen und kühlen Getränken … Aber da ist kein Gasthof, wir gehen so abgelegene Pfade, da wird auch keiner kommen. Das lästige Kopfkino wiederholt sich. Endlich kann ich es stoppen und langsam, Schritt für Schritt, begreife ich: Es ist, wie es ist. Ich schaue mich um, lasse meinen Blick schweifen: Was ist hier, was ist jetzt, was ist schön?

Da flattern Schmetterlinge – zarte Zitronenfalter, leuchtend orangefarbene Kaisermantel und sogar der gr

Wählen Sie Ihren Zugang und lesen Sie direkt weiter.

Digital-Zugang
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen
Digital-Zugang für "Publik-Forum"-Print-Abonnenten
  • Ergänzend zu Ihrem Print-Abonnement
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen