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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 19/2015
»Der Papst muss liefern«
Publik-Forum-Streitgespräch über Reformen in der katholischen Kirche
Der Inhalt:

Der Zorn der späten Jahre

von Gunther Britz vom 09.10.2015
Er war politisch engagiert, litt an der Kirche und wurde als Terroristenfreund beschimpft: Warum es sich immer noch lohnt, Heinrich Böll zu lesen

Inzwischen sind es schon über dreißig Jahre her, dass der Schriftsteller, PEN-Präsident und Nobelpreisträger Heinrich Böll in dem kleinen Dorf Bornheim-Merten, auf einem Hügel zwischen Köln und Bonn gelegen, zu Grabe getragen wurde. Wer in den 1960er- und 1970er-Jahren zur Schule ging, las Böll unweigerlich als Pflichtlektüre im Deutschunterricht.

Heute ist er weitgehend unbekannt, zumindest der jüngeren Generation. Zu Recht? Sind seine Werke – zahlreiche Romane, Briefe, Reden und Interviews – heute wirklich »out«?

Viele Geschichten Bölls drehen sich um rein private Alltagssituationen. Darin treffen sie sich mit den Texten der Beatles, die damals musikalisch angesagt waren. Die Kritik an der Gesellschaft, die Böll darin äußert, wirkt naturgemäß heute nicht mehr aktuell. Auf den ersten Blick jedenfalls.

Das gilt vor allem für die typischen Nachkriegsgeschichten der »Trümmerliteratur« aus den frühen Werken sowie seine Auseinandersetzung mit dem Katholizismus, wie sie etwa in den »Ansichten eines Clowns« durchscheint. Gerade Letztere ist für die meisten Leser heute nur noch schwer nachvollziehbar, denn diese Mühe machen sie sich schlicht nicht mehr. Auch haben sich die gesellschaftlichen Machtverhältnisse massiv verändert.

Bleibend aktuell sind dagegen seine späteren, stärker politisch geprägten, teilweise auch recht polemischen Werke, die sich mit dem breiten Komplex um Frieden und Gerechtigkeit befassen. Zu nennen wäre hier vor allem der Roman »Die verlorene Ehre der Katharina Blum«. Eine literarische Verarbeitung politischer Vorgänge findet man auch in seinem Essay »Bild, Bonn, Boenisch« und in dem Roman »Fürsorgliche Belagerung«.

Bölls christlich begründeter Pazifismus zeigte sich etwa durch seine Teilnahme an den Protesten gegen das Wettrüsten auf der Bonner Hofgartenwiese oder in Mutlangen. Als er im Zuge der RAF-Attentate im »Deutschen Herbst« Ende der 1970er-Jahre zur Besonnenheit mahnte, wurde er, der Gewalt stets nachdrücklich ablehnte, von etlichen Zeitgenossen als »Terroristenfreund« missverstanden. Dass er zeitgleich mit eher konservativen Schriftstellern wie Alexander Solschenizyn oder Lew Kopelew eng befreundet war, wurde geflissentlich übersehen.

Mit der sogenannten katholischen »Amtskirche« hatte Böll lebenslang Probleme. Im Januar 1976 trat er zusammen mit seiner Frau offizie

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