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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 19/2014
Revolutionäre, wo seid ihr geblieben?
Der Herbst 1989 und sein Erbe
Der Inhalt:

Eine Bühne für Hautund Ohren

von Jens Klein vom 10.10.2014
Das Schauspiel Leipzig macht seine Stücke auch für Blinde zum Erlebnis

Auf der Bühne stehen vier Touristen – ein Lehrerehepaar in Funktionskleidung und zwei Journalisten mit vollem Expeditionsgepäck. Eine Eingeborene im Bastrock springt hinzu und begrüßt die Gruppe auf ihrer tropischen Insel: »Unser Archipel ist berühmt für seine Entschleunigungsfunktion!«

Im Publikum sitzt Wolfram Ehms und verfolgt das Theaterstück »Angst reist mit« von Sybille Berg mit einen Kopfhörer. Zusätzlich zu den Dialogen der Schauspieler hört er darin eine Stimme, die das Geschehen genau beschreibt. Sie nennt die Farbe der Beleuchtung, die Kleidung der Darsteller, die Requisiten. Jedes kleine Detail ist für Ehms wichtig, denn der Leipziger ist seit drei Jahren blind.

»Hinten begrenzt eine Spiegelwand den Bühnenraum«, sagt die Stimme. »Diese besteht aus einer transparenten Spezialfolie, die bei Gegenlicht durchsichtig ist.« Die Stimme kommt aus einer Sprecherkabine und gehört Maila Giesder-Pempelforth: »Abmessungen, Vergleiche und präzise Beschreibungen helfen dabei, das Bühnenbild auch für Nichtsehende vorstellbar zu machen«, erklärt die Sprecherin.

»Audiodeskription« heißt dieses Angebot, das Theater im Schauspiel Leipzig jetzt auch für Blinde zugänglich macht. Bevor es das gab, ging Wolfram Ehms lieber ins Leipziger Gewandhaus, um Konzerte zu hören. Das Theater hat er bisher gemieden, denn ohne Bilder blieben die Dialoge oft unverständlich. Pernille Sonne, eine erblindete Schauspielerin, dagegen hat sich noch nie davon abhalten lassen, ins Theater zu gehen. Bisher kam sie immer mit sehenden Freunden hierher, um sich beschreiben zu lassen, was auf der Bühne passiert. Aber davon fühlten sich die anderen Zuschauer oft gestört: »Wir wurden häufig aufgefordert, leise zu sein.« Der Wunsch sei verständlich, sagt Sonne, »aber auch immer wieder verletzend«.

Derlei Erlebnisse haben sich inzwischen erledigt: Mit »Emilia Galotti« feierte das Schauspiel Leipzig im vergangenen Dezember den Auftakt der Audiodeskrip tion. »Wir möchten ein Stadttheater im besten Sinne, also ein Theater für alle sein«, sagt Dramaturg Matthias Huber. Etwa 13 000 Euro hat das Schauspiel Leipzig investiert, um eine Sprachanlage für 25 Empfänger anzuschaffen. Nun soll sie mithilfe von Spenden Stück für Stück erweitert werden. Um die Hörspuren zu erstellen, arbeitete das Schauspiel mit der Berliner Firma

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