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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 19/2013
Gehätschelt und doch betrogen?
Familien in Deutschland
Der Inhalt:

Das Mädchen im Orchester von Auschwitz

von Peter Brandhorst vom 11.10.2013
Sie will mahnen und erinnern. Darum singt Esther Bejarano (88) mit Hip-Hoppern
der Gruppe »Microphone Mafia« aus Köln Lieder gegen Krieg und Faschismus

Ein wenig schwach wirkt sie an diesem Vormittag, jedenfalls auf den ersten Blick. Und nachdem sie jetzt tief in einem der wuchtigen Sessel versunken ist, bei sich zu Hause in ihrer Hamburger Wohnung, da scheint man ihr einen Moment lang auch so etwas wie Erleichterung anzumerken. Vor sich auf dem Couchtisch hat Esther Bejarano ein großes Lupenglas liegen, auf einem Auge ist sie fast blind, das andere wurde bei einer Operation beschädigt. Klein und zerbrechlich erscheint so die 88-Jährige, kleiner noch, als sie mit ihren 147 Zentimeter Körpergröße ohnehin ist. Doch woran lässt sich Größe messen, woran menschliche Stärke?

Man ist an diesem Tag mit einer Überlebenden des Holocausts verabredet, mit einer der letzten noch Lebenden des Mädchenorchesters aus dem KZ Auschwitz. Mit einer Frau, die als junges jüdisches Mädchen die Begleitmusik zum Massenmord des Hitler-Faschismus spielen musste, um selbst überleben zu können, und die nie wird aufhören können, von den Schrecknissen damaliger Zeit zu berichten und vor den Gefahren heutiger neonazistischer Entwicklungen zu warnen. Eine Frau, die jetzt im hohen Alter auf ihrem Weg der Erinnerung und Mahnung mit großer Energie noch mal eine ganz neue Richtung eingeschlagen hat und mit Hip-Hoppern der Gruppe »Microphone Mafia« aus Köln die Bühnen erobert, um vor allem junge Menschen zu erreichen. Gerade ist – nach »Per la vita«, für das Leben – ihre zweite gemeinsame Rap-CD erschienen, »La vita continua«, das Leben geht weiter, mit Liedern gegen Krieg und Faschismus, für Frieden, Menschlichkeit und Miteinander.

Das Leben geht weiter, auch da, wo ein Mensch Erlebtes zu vergessen nicht in der Lage ist, und wenn Esther Bejarano heute von damals spricht, dann tut sie das deshalb, »damit immer präsent bleibt, was geschehen ist«. Sie selbst lassen ihre Erinnerungen nie mehr los, »bis zu meinem letzten Moment nicht, die gehen einfach nicht weg, sie sind ständig im Hirn«. Dann rollt sie den linken Ärmel ihres Pullovers hoch, auf der Innenseite des Unterarms kommt ein heller Fleck mit ein paar dunklen Rändern zum Vorschein. In Auschwitz war ihr der Name genommen und die Häftlingsnummer 41948 eintätowiert worden. Vor vielen Jahren entschloss Esther Bejarano sich, die Nummer entfernen zu lassen. »Heute bereue ich das«, sagt sie, »ich muss mich ja nicht schämen für das, was mit mir geschah. Aber da man die Umrisse noch immer etwas sieht, weil die Nummer schlecht rau

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