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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 19/2012
Wenn es den Himmel gäbe
Gott in der Literatur der Gegenwart
Der Inhalt:

Ideale von gestern

von Christian Modehn vom 05.10.2012
Das Zweite Vatikanische Konzil wird von Kirchenreformern gefeiert. Doch Enthusiasmus ist fehl am Platz. Ein Zwischenruf

Die verriegelten Fenster wurden aufgestoßen, der Modergeruch der Inquisition wurde vertrieben, der Staub der Jahrhunderte hinweggefegt. Bilder, die heute »progressive Katholiken« faszinieren, wenn sie an das Zweite Vatikanische Konzil denken. Die Attacken reaktionärer Kreise, vor allem der Piusbrüder, stärken den Willen, das Konzil unbedingt als »Sprung vorwärts« (Papst Johannes XXIII.), als »Einschnitt und Wende« zu bewerten. Reformkatholiken verehren das Konzil wie eine Art Heiligtum. Tatsächlich hat die Bischofsversammlung mittelalterlich geprägten Katholizismus unterbrochen. Die bislang verteufelte Religionsfreiheit wurde anerkannt, vom Dialog war die Rede, von einer Öffnung zur Welt.

Aber »progressive Kreise« sind naiv, wenn sie dieses Konzil zum wichtigsten Bezugspunkt ihrer Erneuerungsvorschläge machen. Denn die theologischen Grenzen dieses Konzils liegen deutlich vor Augen:

Es war eine reine Männerveranstaltung meist greiser Herren, die noch in den Zeiten des »eingemauerten Katholizismus« (Jean Delumeau) denken gelernt hatten. Von Frauen ist nur an fünf Stellen der Konzilsdokumente die Rede. Ihnen wird die »häusliche Sorge der Mutter« zugewiesen. Gleichzeitig wird unvermittelt die »gesellschaftliche Hebung« ihres Status gefordert.

Die Mehrheit der Konzilsväter war »reformgesinnt«, aber es handelte sich um eine bunte, »mehrdeutige« Reformergruppe, sagt der italienische Theologe und Kirchenhistoriker Giuseppe Alberigo. So verteidigten etwa die US-Bischöfe noch die Todesstrafe … Der Pluralismus macht die Konzilsdokumente widersprüchlich. Der Konzilsberater Pater Giulio Girardi spricht deswegen von »zwei Vatikanums« zur gleichen Zeit. »Ich erinnere mich an gemeinsame Sitzungen mit Erzbischof Karol Wojtyla bei der Redaktion des Dokuments ›Kirche in der Welt von heute‹: Da zeigte er eine kämpferische Haltung gegen die offene Position der Mehrheit.« – »Die Konzilstexte sind Kompromisse; die Beurteilung der vom Konzil gewollten Erneuerung kann gar nicht einheitlich sein«, formuliert der Kirchenhistoriker Daniele Menozzi. Auch der Papst habe seine eigene Lesart, und die sei absolut gültig, sagt er.

»Niemals wurde der Widerstand reaktionärer Anti-Konzils-Bischöfe gebrochen«, betont Alberigo. Papst Paul VI. ließ sich für ihre Zwecke instrumentalisieren. Von brüderlicher

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