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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 19/2009
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Lehren aus einer Wahl, die für viele keine war
Der Inhalt:

Wenn die Bühne zum Gericht wird

von Jörg Heimbach vom 09.10.2009
Warum sind Castingshows bei jungen Leuten so beliebt? Und was ist daraus zu folgern? Vermutungen eines Theologen

Es liegt nahe, das aktuelle »Castingfieber« als Krankheit einer Gesellschaft zu verurteilen, die sich sättigt an der scheinbar grenzenlosen Lust Jugendlicher (und nicht nur dieser), sich zu zeigen, ja ihr Innerstes nach außen zu kehren. Dieses Phänomen konfrontiert mit dem, was der Soziologe Richard Sennett die »Tyrannei der Intimität« nennt. Er spricht von einem schier unerträglichen, »unermesslichen medialen Ödland an Geständnissen und Offenbarungen«. Alles muss an die Oberfläche, mithin an die Öffentlichkeit, und wird darum banal und peinlich.

Der Leipziger Philosoph Christoph Türcke weist darauf hin, dass wir es hier mit einem Phänomen der Sensationsgesellschaft zu tun haben, für die Sein heute Wahrgenommen-Werden bedeutet: Ich spüre mich erst, wenn ich gesehen werde. Wer nicht massenmedial wahrgenommen werde, sei gewissermaßen gar nicht da, so Türcke. Heute existiere derjenige im Grunde nicht wirklich, der keine Website habe. Und so signalisieren auch die Castingshows: Wer nicht öffentlich entdeckt wird, lebt kein wirkliches Leben.

Beim Anschauen diverser Castingshows ist mir aber auch noch ein anderes Phänomen aufgefallen: dass sich die Bühne als der Ort der Präsentation der Kandidatinnen und Kandidaten geradezu in einen Gerichtssaal verwandelt. Oft wird ja wirklich das »ganze« Leben der Kandidaten öffentlich »dokumentiert«, vor allem ihre Leiden und Krisen. So häufig geweint wird an keiner anderen Stelle im Fernsehen wie in den Castingshows. Es wird Einblick gewährt in die Lebensgeschichte eines Kandidaten, die Zuschauer werden sozusagen zu »Geschworenen«, zum verlängerten Richterstuhl der meist dreiköpfigen Jury.

Nachdem die Kandidaten ihre musikalischen oder anderweitigen Beiträge präsentiert haben, sehen sie sich konfrontiert mit einem quasi trinitarischen Richterstuhl, der über sie Kritik, Beschimpfungen bis hin zu Demütigungen, aber auch großes Lob bis hin zu ekstatischen Ovationen ausgießt. Der »Circus Maximus« der alten Römer lässt grüßen. Und wir Zuschauer haben Teil an diesen Gerichtsszenen, indem wir uns öffentlich mitfreuen, mitleiden, schämen und verurteilen. »Daumen hoch, Daumen runter« – die Geste eines einzelnen Imperators ist längst medial demokratisiert. Manchmal dürfen wir Zuschauer übers Telefon teilhaben am Spiel um Leben oder Tod. Denn um nichts weniger geht es ja, sofern Türcke recht hat mit seiner Deutung, dass auf dem Bildschirm zu s

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