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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 19/2009
Aufbrechen.
Lehren aus einer Wahl, die für viele keine war
Der Inhalt:

Wahrnehmen, was ist

von Anita Rüffer vom 09.10.2009
Achtsamkeitstraining hilft gegen Depression und Burn-out. Aber lässt sich die Wirksamkeit dieser buddhistischen Praxis nachweisen?

Der Mann ist eine imposante Erscheinung und ein erfolgreicher Unternehmer. Mit 28 Mitarbeitern hat Axel Wanninger (Name geändert) 1992 in Freiburg mit seiner Software-Firma angefangen. Heute beschäftigt der 59-Jährige 140. Und so einer liegt abends auf seinem Bett, mit nichts anderem beschäftigt als wahrzunehmen, wie seine Beine allmählich abkühlen und der Atem in seinen Brustkorb ein- und wieder ausströmt? »Am Anfang«, gesteht Wanninger, »kamen mir diese Achtsamkeitsübungen albern vor. Aber meine Bereitschaft, mich darauf einzulassen, ist allmählich gewachsen.«

Es blieb ihm auch nichts anderes übrig. Was mit banalen Schlafstörungen anfing, entwickelte sich allmählich zum ausgewachsenen Burn-out-Syndrom: Ängste, Panik, Depressionen. »Ich zog mich immer mehr zurück«, rekapituliert Wanninger, »und hatte an nichts mehr Freude.« »Reiß dich zusammen«, hatte er sich anfangs noch anzufeuern versucht. »Das ist nur eine Phase.« Aber die Abwärtsspirale drehte sich immer weiter. Im Büro wuchs der Berg alltäglicher Aufgaben, die er vor sich herschob. Zum Schluss hatte er sogar Angst davor, seine E-Mails zu öffnen. Der Aufenthalt in einer psychosomatischen Tagesklinik und die Behandlung mit Antidepressiva hatten keinen durchschlagenden Erfolg.

»Wer die Messlatte zu hoch hängt, erlebt sich immer im Defizit«, beschreibt der Freiburger Arzt und Psychotherapeut Klaus Kuhn das Lebensgefühl von Menschen, die an einer Depression erkrankt sind. Axel Wanninger hat sich, wie er sagt, »ganz brutal als Versager gefühlt«. Die Endlosschleife der selbstentwertenden Gedanken war überhaupt nicht mehr zu stoppen. Bis Klaus Kuhn ihm vorschlug, an einem achtwöchigen Achtsamkeitstraining teilzunehmen. Da lag er also wie die übrigen zehn Teilnehmenden mit geschlossenen Augen auf dem Boden und ließ, angeleitet von seinem Therapeuten, sein Bewusstsein systematisch vom rechten großen Zeh bis in die letzte Haarspitze durch den gesamten Körper wandern.

Er lernte, seine Wahrnehmungen auf das Einfachste und wirklich Erfahrbare zu reduzieren: ein hupendes Auto von draußen, die heisere Stimme des Arztes, die Erinnerungen an die köstlichen Erdbeeren aus Großmutters Garten, die plötzlich aus der fernen Kindheit in sein Bewusstsein dringen. Sein Gefühl des Versagens, weil er abgeschweift und nicht bei der Sache geblieben ist. Dabei ist genau das »die Sache«: zu bemerken, was in ihm selbst ständig an inneren

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