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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 19/2009
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Lehren aus einer Wahl, die für viele keine war
Der Inhalt:

Stolz statt Gier

von Wolfgang Kessler vom 09.10.2009
Der Philosoph Peter Sloterdijk will, dass die Bürger freiwillig Steuern zahlen. Ein absurder Vorschlag? Nein

Mehr netto vom brutto, fordern die Liberalen. Wer Steuern senken will, gewinnt Wahlen. Viele Wähler wollen möglichst viele Leistungen vom Staat, aber möglichst wenig Steuern zahlen. Nun kann man dafür den persönlichen Egoismus verantwortlich machen. Allerdings gibt es noch einen anderen Grund für die Abneigung gegenüber dem Steuerstaat. Viele Bürger fühlen sich entmündigt: Sie zahlen Steuern, ohne beeinflussen zu können, wohin das Geld fließt. Der Philosoph Peter Sloterdjik bezeichnet dies als »Kleptomanie des Staates«, als »Zwangsenteignung«, die mündigen Staatsbürgern unwürdig sei.

Peter Sloterdijk ist kein Wirtschaftsliberaler. Für ihn ist die progressive Einkommenssteuer »die maßgeblichste moralische Errungenschaft seit den Zehn Geboten«. Er verteidigt sie gegen diejenigen, die sie einfach nur senken wollen. Gleichzeitig fragt er, ob es »dann nicht würdevoller und sozialpsychologisch produktiver wäre, dieselben Beiträge wie heute nicht durch fiskalische Zwangsabgaben aufzubringen, sondern durch freiwillige Zuwendungen von aktiven Steuerbürgern«. Sloterdijk wünscht sich eine »Ethik der Gabe«. Er fordert eine Wende von einer »gierbeherrschten Gesellschaft hin zu einer stolzbewegten Gesellschaft«.

Zwar kann sich derzeit niemand vorstellen, dass auf freiwilliger Basis auch nur annähernd so viel Geld in die Staatskasse käme wie durch Zwangsbeiträge. Andererseits wissen Psychologen wie Ökonomen, dass Menschen, die Geld haben, gerne für Ziele bezahlen, mit denen sie sich identifizieren. Oft kommt über Spenden mehr Geld für eine Sache herein als über Zwangsabgaben zu erzielen gewesen wäre.

Deshalb ist der Philosoph Sloterdijk auch nicht der einzige, der die Zwangsbesteuerung hinterfragt. Seit Langem kritisieren zum Beispiel Christen die Zwangsabgabe in Form der Kirchensteuer. Sie fühlen sich als Christen, sind aber mit dem, was die Kirchenleitungen mit den Steuergeldern machen, nicht einverstanden. Auch für viele politisch Engagierte sind Zwangssteuern ein Grund zum Widerstand. Seit vielen Jahren wehren sich Pazifisten gegen ihre Pflicht, Steuern zu entrichten, die auch das Militär finanzieren – gegen ihr Gewissen. Sie behalten die Steuern nicht ein, sondern zahlen sie auf ein Treuhandkonto, um es für andere staatliche Ziele einzusetzen – es geht ihnen nicht um die Selbstbereicherung, sondern um das, was sie finanzieren wollen. Die Ethik der Gabe ist ihnen nic

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