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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 19/2009
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Lehren aus einer Wahl, die für viele keine war
Der Inhalt:

»Ich will dazugehören«

von Jana Benz vom 09.10.2009
Die Innenarchitektin Susanne B.* war unstet, arbeitslos und depressiv. Dann fand sie Halt in einer Gemeinde

Auf fremde Kontinente Ausreiß nehmen muss ich heute nicht mehr. Das war nämlich meine Strategie: wenn es hart kam, bin ich in die Ferne gereist. Jahrelang war ich arbeitslos und an Depressionen erkrankt. Aber jetzt habe ich Halt, Freunde und neue Aufgaben in einer sozial engagierten Pfarrgemeinde gefunden.

Als mir mit 25 nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl das Essen vergällt war, flog ich nach Amerika und wollte so bald nicht wieder zurückkehren. Ein anderes Mal ging ich kurzerhand für drei Monate mit Rucksack und Zelt in den australischen Busch. Da war ich 29 und hatte gerade auf der Sozialpädagogischen Fachoberschule in Mainz mein Abitur nachgeholt.

Wieder zurück in Deutschland, wollte ich Psychologie studieren. Doch das war mit meinem Fachabitur nicht möglich. Also bewarb ich mich für Innenarchitektur. Das passte zu meiner Ausbildung als Schaufensterdekorateurin. Ich wollte schließlich Menschen beraten.

Die erste Möglichkeit bekam ich eineinhalb Jahre nach meinem Studium: Für eine große Baufirma ging ich in die nigerianische Hauptstadt Abuja. Gearbeitet hatte ich schon immer viel, doch für diese Firma schuftete ich zwei Jahre lang, 12 bis 16 Stunden am Tag.

Ich arbeitete in einer Möbelfabrik und leitete eine Planungsabteilung mit nigerianischen Mitarbeitern. Wir planten die Inneneinrichtung von Häusern, Wohnungen und Ministerialbauten. Meine Kunden waren reiche Nigerianer. Sie bestellten die Ware »like you have in Germany« und verlangten sie sofort.

Anfangs wunderte ich mich immer, warum meine Mitarbeiter oft graue Gesichter hatten. Irgendwann fand ich heraus, dass sie ab Mitte des Monats oft kein Geld mehr für Essen hatten: So mager war ihre Bezahlung. Und diese Kollegen sollte ich nun anleiten! Zuerst war ich geschockt. Weitermachen musste ich trotzdem. Gemobbt wurde ich jedoch auch von den eigenen Kollegen. Bei dem Umgang war ich nicht überrascht, als mir vor Vertragsende und drei Tage vor der Ausreise die Kündigung auf den Schreibtisch geworfen wurde – ganz nebenbei im zerknüllten Umschlag.

Zurück in Deutschland brach ich zusammen. Diagnose: »Burn-out«. Vier Jahre Therapie folgten. Zum ersten Mal in meinem Leben wurde ich arbeitslos. Unfassbar! Auch dass ich mich zur Multimediaproduzentin weiterbildete, nützte nichts. Ich bekam Existenzängste und Depressionen. Das war neu für

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