Gottesfragen, Theologie, das Böse
Adams Ängste
Im Anfang war doch alles sehr gut. So behauptet es jedenfalls die große Schöpfungserzählung im Buch Genesis (1,1-31) auf den ersten Seiten der Bibel. Woher dann aber das Böse? Überhaupt: Was heißt hier »im Anfang«? Und was »sehr gut«? Die Leserbriefe auf die letzte Gottesfrage (Publik-Forum 16/2022) stellen diese Frage in verschiedenen Varianten und waren so zahlreich, dass ich die ursprünglich geplante Gottesfrage zurückstellen möchte. Allerdings: Die Frage nach dem Ursprung des Bösen ist dermaßen komplex, dass jede Antwort nur scheitern kann, insbesondere wenn man nur eine Seite zur Verfügung hat. Um nicht von vornherein Missverständnisse zu produzieren, ein paar Bemerkungen zu der literarischen Gattung der sogenannten Ursprungserzählungen. »Es war einmal …« – so beginnen die großen Geschichten der Weltliteratur, die um die Frage kreisen, warum es ist, wie es ist. Wenn uns also die Geschichten vom Paradiesesgarten (Gen 2) und der Vertreibung des Menschen aus ihm (Gen 3) erzählen, wie es »im Anfang« war (hebräisch: bereschit, griechisch: en arché, lateinisch: in principio), dann formulieren sie keinen historischen, kosmophysikalischen oder evolutionsbiologischen Wahrheitsanspruch. Hier werden vielmehr in symbolischer Form fundamentale Lebenszusammenhänge veranschaulicht. Bei den biblischen Ursprungserzählungen hat man es im strengen Sinn des Wortes mit Mythen zu tun. Ein Mythos, so die berühmte Definition des griechischen Philosophen Sallustios, erzählt, »was niemals war, aber immer ist«. Adam und Eva ist kein neolithisches Ehepaar, das vor etwa 12 000 Jahren in irgendeinem Garten im Zweistromland gelebt hätte. Als historische Gestalten hat es Adam und Eva nie gegeben; was wir von der Evolution des Menschengeschlechts wissen, lässt keinen Platz für solch angeblich historische Ereignisse.
Sie haben bereits ein
-Abo? Hier anmelden
Joachim Negel, geboren 1962,ist Professor für Fundamentaltheologie an der Universität Fribourg (Schweiz). Wenn Sie eine Gottesfrage an ihn stellen wollen: [email protected],Betreff: Gottesfragen.

