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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 18/2015
Der große Auszug
Kirchenaustritte: Was jetzt auf dem Spiel steht
Der Inhalt:

Vertane Chance

von Hans-Jürgen Röder vom 25.09.2015
25 Jahre Wiedervereinigung: Auch bei den Kirchen gab es keine Reformen. Die Versäumnisse machen bis heute zu schaffen

Die Szene ist gerade mal gut 25 Jahre her und doch ist sie längst in die Geschichtsbücher eingegangen: In Bonn berät am 9. November 1989 der Deutsche Bundestag über die Besteuerung von Vereinen. Kurz nach 20 Uhr erreicht das Parlament die Nachricht von der Pressekonferenz in Ost-Berlin, auf der SED-Sprecher Günter Schabowski Reisefreiheit für alle DDR-Bürger ankündigt. Es folgt minutenlanger Beifall, dann erheben sich die Bonner Abgeordneten und stimmen die Nationalhymne an.

Zur gleichen Zeit tagt im südbadischen Bad Krozingen die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Auch sie unterbricht ihre Beratungen, als sie die Meldung aus Berlin hört. Der Ratsvorsitzende, Bischof Martin Kruse, fasst kurz in Worte, was noch gar nicht zu fassen ist, und regt an, den Liedvers »Erhalt uns in der Wahrheit« zu singen – nicht »Großer Gott, wir loben dich« oder »Nun danket alle Gott«, was ja auch nahe gelegen hätte.

Dabei war die Freude über die unerwartete Öffnung von Mauer und innerdeutscher Grenze so einhellig wie selten bei Politik und Kirche. Und doch bestimmte in der kurzen Erklärung von Bischof Kruse Nachdenklichkeit den Grundtenor.

Dafür gab es durchaus gute Gründe. Denn offenbar ahnte Kruse mehr als die Politik, was mit dem Fall der Mauer auf Staat und Kirche zukam. Und auch das ist nicht verwunderlich, denn die Kirchen in Ost und West wussten aufgrund ihrer Kontakte, die sie in den Jahren der Trennung aufrechterhalten hatten, nur zu gut, wie fremd sich die Menschen bereits waren.

Neu war diese Erfahrung also damals nicht. Und dennoch hofften viele in Ost und West auf einen Annäherungsprozess, in dem sich beide Seiten auf Augenhöhe begegnen und in den beide das einbringen, was ihnen wert und wichtig ist. Dabei stand außer Frage, dass sich vor allem in der DDR vieles ändern muss. Aber auch die alte Bundesrepublik sollte nicht so bleiben, wie sie war.

An großen Erwartungen war jedenfalls kein Mangel, trotz der fehlenden Erfahrungen der Menschen in Ost und West miteinander. Denn viele DDR-Bürger haben ja nach dem Mauerbau 1961 ohne jeglichen Kontakt zu westdeutschen Landsleuten gelebt. Und ähnlich war es auch in der alten Bundesrepublik. Trotz Erweiterung der Besuchsmöglichkeiten blieben die Grenzkontrollen und der Zwangsumtausch abschreckend genug, um grö

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