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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 18/2015
Der große Auszug
Kirchenaustritte: Was jetzt auf dem Spiel steht
Der Inhalt:

Das Leib-und-Seele-Gespräch: »Hier oben bin ich frei«

von Martina Läubli vom 25.09.2015
Allein unter Schafen: Pia Solèr ist Hirtin in den Schweizer Alpen. Jeden Sommer verbringt sie in einer kleinen Alphütte auf über 2000 Metern Höhe. Ein Gespräch über den Unterschied zwischen Stress und Arbeit und die Lust am Alleinsein

Drei Stunden dauert der Aufstieg vom Dorf zu dieser Hütte zuhinterst im Val Lumnezia in der Bündner Surselva. Pia Solèr empfängt mich mit einem Mittagessen: Ziegenkäse und auf dem Holzherd gebratene Polenta. Für das Gespräch setzen wir uns vor die Hütte und blicken in die grandiose steinige Berglandschaft.

Publik-Forum: Frau Solèr, was lockt Sie immer wieder hierher?

Pia Solèr: Es ist so: Im Frühling zieht es mich einfach raus, nach oben. Mich fasziniert diese Ruhe. (Sie schweigt. Man hört die Glocken der Schafe bimmeln.) Mein Kopf wird frei hier oben. Ich fühle mich mehr in Harmonie mit mir selber.

Lässt diese Faszination nie nach?

Solèr: Ich mache das schon seit 23 Jahren. Dies ist mein vierzehnter Sommer mit den Schafen, vorher war ich auf einer Ziegenalp. Dieses Jahr waren mein Freund und ich nach meinem ersten Tag auf der Alp noch zu einer Hochzeit eingeladen. Ich kam zu diesem Fest und hatte das Gefühl: Ich bin ein anderer Mensch! Nach nur einem Tag auf der Alp. Es macht etwas mit mir.

Was machen Sie hier den ganzen Tag?

Solèr: Wenn ich wie jetzt auf der oberen Weide bin, werde ich morgens vom Hund oder von den Schafen geweckt. Die Schafe kommen zum Fels neben der Hütte, um Salz zu lecken. Ich sehe nach, ob es den Schafen gut geht. Wenn eines krank ist, behandle ich es. Danach melke ich die Ziegen. Dann kommt der Rundgang auf der Weide an die Reihe. Jeden Tag schaue ich nach den Schafen.

Und so sehen alle Tage aus?

Solèr: Am Anfang der Alpsaison funktioniert es anders. Dann gehe ich jeweils noch früher weg und bleibe den ganzen Tag bei den Schafen. Ich muss sie zuerst an die Regeln gewöhnen – und es gibt auch Schafe, die die Grenzen ausreizen wollen. Im Herbst sammle ich die Schafe wieder und sorge dafür, dass sie auf den unteren Weiden bleiben. Am Anfang und am Schluss der Saison ist es am strengsten. In der Mitte des Sommers ist es sehr angenehm – wenn das Wetter schön ist.

Das klingt nach harter Arbeit …

Solèr: Natürlich ist die Arbeit streng, aber es ist kein Stress. Ich mag die körperliche Arbeit. Es kann hart sein, wenn ich auf der

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