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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 18/2014
Da geht noch was!
Träume leben im Alter
Der Inhalt:

Kolumne von Anne Lemhöfer: Koch-Kult

vom 26.09.2014

Wann hat das eigentlich angefangen, dass sich Party gespräche um Pastinaken drehen? Dass bei Essenseinladungen von Freunden Sätze wie »Sind die Orecchiette eigentlich schon al dente?« durch die Küche schwirren? Dass meine Freundin Jule jetzt Jus statt Soße sagt?

Ich gestehe: Ich koche Suppe mit Brühwürfeln. Und während meines Studiums hat die Firma Kraft dank ihres Produkts »Miracoli« gut an mir verdient. Seit ich arbeite, kaufe ich immerhin mindestens einmal pro Woche diese leckere Tomatensoße im Glas aus dem Biomarkt um die Ecke. Es ist also nicht so, dass ich mich gastronomisch gar nicht weiterentwickelt hätte.

Trotzdem gehöre ich mittlerweile einer schrumpfenden Minderheit an, auf die immer mehr Menschen mitleidig herabsehen: die Foodisten, kurz und niedlich auch »Foodies« genannt. Der Begriff kommt aus dem Englischen, es sind Leute, die laut Wörterbuch »Enthusiasmus für die Herstellung und den Verzehr von gutem Essen« empfinden. Grundsätzlich eine total gute Sache – vor allem in Deutschland, wo die Menschen nur 14 Prozent ihres Einkommens für Lebensmittel ausgeben.

Aber: Essen ist nicht mehr nur Essen. Es wird als Sex verkauft, als Lebenseinstellung, als Philosophie, Religion und Rock ’n’ Roll. Wer etwas auf sich hält, kennt Mangalitza-Schweine und würzt seinen Reis mit Ras el-Hanout. Unzählige Blogs im Internet drehen sich um nichts anderes als um Heile-Welt-Fotos aus dem Backofen. Die Zeitschrift »Beef« druckt ernst gemeinte Fotostrecken über Schweinshaxen, die auf den Hintern halb nackter Frauen liegen. Während ich das hier schreibe, poppt auf meiner Facebook-Timeline ein Handy-Foto von Thaicurry im Kokosblatt auf.

In den USA gibt es mittlerweile sogar eigene »iPhone-Food-Photography«-Kurse. Weil Essen schön zu fotografieren ziemlich schwierig ist.

Essen, Kochen, gemeinsame Mahlzeiten waren doch mal dazu da, Menschen zusammenzubringen. Jetzt trennt die Foodie-Kultur die Menschen. Hobbyköche werden zu Snobs, die vorweg Müritz-Zander mit Blutwurst, Apfel und Sauerklee servieren, das Entrecôte kommt dann mit Rauchpaprika und Süßkartoffeln. Lecker. Bloß: Für einige Leute mag ich mich gar nicht mehr an den Herd stellen, weil sie über meinen Essig-Öl-Salat die Nase rümpfen würden. An einem Brotstand in Frankfurt verzog der Verkäufer das Gesicht, al

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