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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 18/2014
Da geht noch was!
Träume leben im Alter
Der Inhalt:

Sozialprotokoll: Ich will Probleme lösen

von Lisa Rüffer vom 26.09.2014
Das Leben in Äthiopien ist kompliziert. Viele wollen von hier fort. Hikma Tadesse Tamrat (32) sieht es als Herausforderung – und bleibt

Mein Vater hätte mir erlaubt, aus Äthiopien wegzugehen. Aber ich bin hier geboren. Hier werde ich gebraucht. Wer diesem Land helfen will, muss bei den Kindern anfangen. Sie sind die Zukunft. Sie brauchen nicht viel: Zuwendung, liebende Eltern, gutes Essen, Schule. Aber hier in Äthiopien leben zu viele von ihnen auf der Straße. Für diese Straßenkinder will ich eine Hilfsorganisation aufbauen. Das ist mein Traum.

Ich bin Dozentin an einem College für Elektro-Ingenieure und habe bald meinen Master in der Tasche. Ich bin Arsenal-Fan und liebe Science-Fiction-Filme. Das überrascht Sie vielleicht? Sie denken, Äthiopien ist ein Entwicklungsland? Tatsächlich sitzen draußen viele meiner Landsleute am Straßenrand und warten. Sie sind faul und wollen, dass andere ihnen helfen. Aber ich löse meine Probleme gerne selbst.

Mein Vater hat mir beigebracht zu kämpfen. An meine Mutter kann ich mich nicht mehr erinnern, aber er hat uns von ihr erzählt. Ich glaube, sie war der liebevollste Mensch, den man sich vorstellen kann. Vater sagt, ich sehe ihr ähnlich. Sie starb an Malaria, da war ich fünf Jahre alt. Sie hat gefehlt, aber mein Vater hat uns vier Kinder alleine großgezogen. Geholfen hat ihm sein katholischer Glaube. Er ist ein sehr spiritueller Mensch. Er war streng zu uns, weil er wollte, dass etwas aus uns wird. Deshalb hat er uns auch auf die Schule geschickt.

Es gibt diese Geschichte, die habe ich noch keinem Fremden erzählt. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass es an diesem Tag regnete. Ich bin gerade siebzehn und verliebt in einen Jungen aus meiner Klasse. Sein Name ist Samson. Er ist hübsch und ein ziemlich guter Fußballer. Als die Schule aus ist, gehen wir noch ein Stück zusammen. Der Regen wird immer stärker. Ein richtiger Wolkenbruch. Samson sagt, ich soll mit zu ihm kommen, bis der Regen schwächer wird. Er wohnt näher an der Schule als ich. Ich gehe mit, und wir küssen uns. Von allem, was dann passiert ist, hatte ich keine Ahnung. Über so etwas wird bei uns nicht gesprochen. Mädchen werden in Äthiopien nicht aufgeklärt. Es war eine dieser Situationen, in denen meine Mutter gefehlt hat.

Ich merkte bald, wie sich etwas veränderte, aber ich sagte es keinem. Ich nahm zu, aber unter der weiten Kleidung ließ sich das gut verstecken, und so groß wurde mein Bauch nicht. So fiel mein Geheimnis niemandem auf. Neun Mo

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