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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 18/2014
Da geht noch was!
Träume leben im Alter
Der Inhalt:

Aufgefallen: Eine Stimme für die Opfer

von Markus Dobstadt vom 26.09.2014
Nigeria: Die junge Bloggerin Saratu Abiola bringt im Internet Menschen zum Sprechen, die sonst aus Angst vor Mord und Totschlag lieber schweigen

Saratu Abiola erfuhr von der Bombe durch einen Kollegen. Auf dem Busbahnhof in Abuja, der Hauptstadt von Nigeria, explodierte sie inmitten des morgendlichen Berufsverkehrs. Sie zerriss alle, die in nächster Nähe waren, und verletzte etliche weitere. »Da war so viel Tod. Und so viel Blut«, schildert sie im Internet Berichte von Augenzeugen, »es war wie ein Alptraum.« Die Bloggerin hätte ebenfalls zum Opfer werden können, auch sie lebt in Abuja. Die offiziellen Zahlen sprachen von siebzig Toten. In Wirklichkeit waren es laut Zeugen aber wohl mehr als 200. »Der Widerspruch zeigt, wie schwierig es für die Medien ist, über die seit Jahren im Land herrschende Gewalt zu berichten. Die Menschen werden nur noch als Nummern gesehen, die Opfer sind, Christen oder Muslime, aber nicht mehr Nigerianer«, sagt Saratu, wie sie sich im Web nennt. Sie studierte an der Chapel Hill-University of North Carolina Internationale Politik und arbeitete danach als Journalistin.

Die engagierte junge Frau mit dem sanften Blick suchte nach einem eigenen Weg, um authentisch über die Situation in Nigeria zu berichten, und startete ihr »Testimonial Archive Project«. Saratu, die aus Lagos stammt, der größten Stadt Nigerias, ruft Menschen an und bittet sie um Interviews. Die Gespräche veröffentlicht sie auf der Internetseite des Projekts.

Es geht in erster Linie um die Situa tion im Norden Nigerias, in den kaum Journalisten kommen. Seit vielen Jahren wird die Region von der islamistischen Gruppe Boko Haram terrorisiert. Sie wird aber auch für den Anschlag auf den Busbahnhof verantwortlich gemacht. Die Islamisten wollen einen muslimischen Staat im Norden errichten und töteten seit 2009 bei Angriffen auf Armee, Polizei, Kirchen und Schulen rund 10 000 Menschen. Nachdem Boko Haram im April dieses Jahres 276 Mädchen aus einer Schule entführt hat, begann Saratu mit den Interviews. Zuerst muss sie den Befragten die Angst nehmen. Aber dann öffnen sie sich meist und sind dankbar, erzählen zu dürfen. Mit ihrem mutigen Projekt arbeitet Saratu Abiola gegen das Vergessen und Verdrängen an. »Eine Nation braucht eine Art gemeinsames Gedächtnis. Deshalb geht es in meinem Projekt auch um den Staat Nigeria. Mir ist es wichtig, dass wir in diesem Land alle die gleichen Informationen haben«, sagt sie.

Erstaunliche Sätze aus dem Mund einer knapp 30-Jährige

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