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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 18/2012
Wer rettet den Euro vor seinen Rettern?
Europa am Scheideweg
Der Inhalt:

Das Haus der Säulen

von Constanze Bandowski vom 21.09.2012
Leandro wünscht sich ein Bad und eine Toilette. Er wohnt im historischen Zentrum von Lima, wo die Kolonialbauten verfallen, weil Geld und politischer Wille fehlen. Nun schreiten die armen Bewohner selbst zur Tat

Leandro Ramirez ist jedes Mal froh, wenn er unversehrt zu Hause ankommt. Sein Schulweg ist ein Spiel mit dem Feuer, Tag für Tag der gleiche Stress: Jugendbanden, Drogendealer, Kleinkriminelle, dazu das stinkende Verkehrschaos im Zentrum Limas. »Ich gehe nicht auf die Straße, wenn es nicht unbedingt sein muss«, sagt Leandro. Stocksteif sitzt er im zweiten Hinterhof der Straße Jr. Conde de Superunda Nr. 316 in einem Bretterverschlag auf dem Sofa, ein 13-jähriger Oberschüler mit Jogginghose, Wollpulli und akkuratem Kurzhaarschnitt. Über dem verängstigten Jungen erhebt Jesus mahnend den Zeigefinger, ein kitschiges Porträt mit Heiligenschein und dem reinweißen Schriftzug: »Herz Jesu«.

Lebte Leandro vierhundert Jahre zuvor, würde er vor einem Altar knien und beten. Er würde auf einer harten Pritsche schlafen und in langer Kutte durch den Kreuzgang wandeln. Denn das Grundstück, auf dem heute die Bruchbude seiner Familie steht, gehörte früher zum Dominikanerkloster, einem der ersten Kolonialgebäude Limas. Nur drei Blocks entfernt vom Großen Platz mit Kathedrale, Verwaltung und Gouverneurssitz bildeten hier spanische Mönche ihren Nachwuchs aus. Nach dem verheerenden Erdbeben von 1746 verkauften sie einen Teil des Anwesens, um den Wiederaufbau des Klosters zu finanzieren. Rund hundert Jahre später bezogen die ersten Bürger Limas das moderne »Haus der Säulen« mit seinen zwei Hinterhöfen. 1972 erhielt es den Status eines »Nationalen Monuments«, 1991 erklärte es die Unesco samt historischem Zentrum zum Weltkulturerbe.

»Ich wünschte, wir hätten eine richtige Küche und ein eigenes Bad mit Toilette«, sagt Leandro. Wenn er im Sommer aus der Wohnungstür tritt, schlägt ihm häufig der Gestank von Essensresten, Müll und Fäkalien entgegen. Will er im Hof zwischen der Wäsche Ball spielen, schimpfen die Nachbarinnen. Muss er aufs Klo, kann die Schlange vor den Gemeinschaftstoiletten sehr lang sein. Dabei ist schon viel passiert: Im vergangenen Jahr haben die Leute aus dem zweiten Hinterhof Hacke und Brechstange in die Hand genommen, den Fußboden aufgerissen, Rohre verlegt, neue Bäder installiert. »Wir wollen ein anderes Leben!«, fordert Leandros Mutter.

Die Bewohner des Weltkulturerbes haben die Nase gestrichen voll. Während die öffentlichen Gebäude durch internationale Fördergelder in neuem Glanz erstrahlen, fällt bei ihnen der Putz von den Wänden. Die Treppe

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