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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 17/2019
Höhenglück
Warum uns die Alpen so faszinieren
Der Inhalt:

»Wir haben keine Mitsprache!«

von Oliver Bilger vom 06.09.2019
Gleb Demtschenko aus Moskau geht auf die Straße, weil Russlands Regierung macht, was sie will

Unsere Regierung macht, was sie will – und die Bürger erdulden alles, egal, wie schlecht es ist. Das ist einfach unfair. Deshalb war ich Anfang August bei der großen Demonstration in Moskau. Bei den Protesten der letzten Wochen stand die Wahl zum Stadtparlament im Vordergrund, es geht aber um viel mehr. Es geht um uns, um alle Bürger in Moskau, in Russland. Wir haben keine Mitsprache, aber wir wollen gehört werden! Und langsam verlieren wir die Geduld.

Viele machen Präsident Wladimir Putin für alle möglichen Probleme verantwortlich, selbst wenn er persönlich nichts damit zu tun hat. Aber unter ihm und der von ihm errichteten Vertikale der Macht ist niemand geblieben, der außer ihm Verantwortung trägt. So gibt jeder ihm die Schuld.

Fast die Hälfte der Russen ist Politik gegenüber gleichgültig. Die andere Hälfte hält Putin für den besten Führer, weil ihn das Staatsfernsehen so darstellt. Oder sie sind als Beamte auf den Staat angewiesen und müssen loyal zur Führung sein, um nicht ihren Arbeitsplatz zu gefährden. Die Staatsmacht hat von uns Demonstranten nichts zu befürchten; außerdem stehen Polizei und Militär hinter der Regierung. Eine Revolution wird es in Russland nicht geben. Aber zwanzig Jahre unter Putin sind genug. Das Problem ist: Es gibt keine effektive politische Opposition. Alexej Nawalny, der bekannteste Oppositionelle, ist ein guter Aufdecker von Missständen, aber ob er auch ein guter Politiker ist, das halte ich für fraglich.

Wichtiger finde ich zunächst, dass mehr Menschen ihre Gleichgültigkeit ablegen und sich aktiv Gedanken machen über ihr Land, die Politik und die Zukunft. Wer heute unter vierzig Jahre alt und mit dem Internet aufgewachsen ist, der ist politisch gebildeter und interessierter. Nur so kann es einmal Veränderungen geben. Doch es wird dauern, bis die heutige Generation an der Macht von der nächsten abgelöst wird.

Ich betrachte die Teilnahme an der Demo als Bürgerpflicht und ich bin stolz auf diejenigen, die sich auf die Straße wagen und sich nicht einschüchtern lassen. Staatliche Einsatzkräfte können zuschlagen, weil sie keine Strafe zu fürchten haben. Das muss sich endlich ändern. Die Gewalt ist inakzeptabel – die Demonstranten sind friedlich.

Dass so viele Menschen protestieren, ist ein gutes Zeichen für Russland. Auch ich werde beim nächsten Mal wieder auf die Straße gehen.

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