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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 17/2017
Kein Land in Sicht
Im Mittelmeer steckt Europa in einem moralischen Zwiespalt
Der Inhalt:

Freie Rede auf der Kanzel

von Susanne Jensen vom 08.09.2017
Was mir die Reformation bedeutet:

Für mich waren 2010 und 2011 verrückte Jahre. In dieser Zeit wurde ich freier. In einem Pastoralkollegs-Kurs habe ich den Superintendenten von Berlin-Mitte, Bertold Höcker, getroffen. Ich erzählte ihm von dem, was mir in Kindheit und Jugend widerfahren ist. Ich bin Missbrauchsüberlebende und musste um mein Überleben kämpfen. Der Idee gegenüber, einen Gottesdienst zum Thema »Missbrauch« zu halten, war er aufgeschlossen. Im Sommer 2010 war es so weit: mit Gesicht und Namen habe ich über die Gewalt gepredigt, die ich erlebt habe. Wichtig war mir, deutlich zu machen, was mir geholfen hat.

Meine evangelische Landeskirche war darüber »not amused«. Denn damals ging es mit dem Ahrensburger Missbrauchsskandal los, der Panik bei den Kirchenoberen ausgelöst hat. Mit Menschen in Ahrensburg kam ich ins Gespräch und habe auch dort versucht deutlich zu machen, was es bedeutet, in Kindheit und Jugend sexualisierte Gewalt erlitten zu haben. Der Aufklärungsprozess war ein zähes Ringen.

2010 und 2011 wurde ich von den Ahrensburger Kollegen gebeten, in den Buß- und Bettags-Gottesdiensten zu predigen. Diese zwei Kanzelgänge waren eine Herausforderung besonderer Art. Davor wurde mir immer gesagt, dass ich mich überhaupt nicht zum Thema Missbrauch in der Öffentlichkeit äußern dürfe, bevor ich meinem Vater nicht vergeben hätte. Ebenso musste ich mir anhören, dass ich zum Täter würde, wenn ich über mein Opfersein rede.

Trotz erheblichen Gegenwindes bin ich zwei Mal die enge Treppe zur Kanzel in der Schlosskirche hochgekraxelt. Dabei haben mir die Knie gezittert. Vor den Predigten wurde »Die Nacht ist vorgedrungen« gesungen. Dieses Lied hat mir Kraft gegeben. In der fünften Strophe heißt es: »Gott will im Dunkel wohnen und hat es doch erhellt.« Ja, Gott ist an Dunkelorten gegenwärtig. Dies vergessen oft Menschen, die »Dunkelorte«, »Dunkelflecken« wegschieben wollen, weil diese nicht ins Bild passen. Vor den beiden Gottesdiensten hatte ich mein Gewissen eingehend befragt und hatte viel gebetet.

So bedrängend diese Zeit für mich gewesen ist, ich bin durch mein Coming-out und die zwei recht harten Predigten stärker und selbstbewusster geworden. »Freie Rede auf der Kanzel« gilt für mich. Jedes Mal, wenn ich beim Orgelvorspiel auf das Kreuz zugehe, verbeuge ich mich tief vor Gott, der an der Seite von Menschen mitleidet und mitstirbt. In meinen elend langen Kindhei

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