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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 17/2017
Kein Land in Sicht
Im Mittelmeer steckt Europa in einem moralischen Zwiespalt
Der Inhalt:

De r k u r z e S o m m e r d e r L i e b e

von Ernst Hofacker vom 08.09.2017
Man schrieb das Jahr 1967, träumte von Liebe und Frieden und tanzte zu »Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band«: Vor fünfzig Jahren sah es tatsächlich so aus, als könnte Musik die Welt verändern

Sie tragen Glöckchen an den Fußgelenken und hängen sich Blüten um den Hals; sie rauchen Marihuana-Zigaretten und schlucken LSD-Pillen; sie hausen in Toreinfahrten und wollen die Welt verschönern: die Hippies, Amerikas neueste Protestanten gegen Amerikas Way of Life und die Zivilisation des 20. Jahrhunderts.« So war es im August 1967 im bundesdeutschen Spiegel zu lesen. Verwundert notierte das Blatt weiter: »Es sind Teens und Twens mit langen, zottigen Haaren. Wie Europas Gammler verabscheuen sie Wasser, Seife und Bürgertum.« Drei Dinge also, die seinerzeit zu den Grundpfeilern einer zivilen Existenz gehörten. Zumindest in »God’s own Country«, den USA, ebenso in Merry Old England und selbstverständlich auch in der biederen Adenauerrepublik. Kein Wunder, dass die Generation der über Dreißigjährigen irritiert, ja, schockiert war. Dabei beschrieb der Spiegel die Irrungen und Wirrungen des Nachwuchses noch vergleichsweise nüchtern. Jedenfalls: Als sich am 1. Januar 1967 in Westberlin die später berüchtigte Kommune I gründete, war es längst offensichtlich, dass sich quer durch die westliche Gesellschaft ein tiefer Graben aufgetan hatte – der Generationenkonflikt.

Dessen Front verlief entlang der ersten Weltkriegsjahrgänge, markiert also etwa durch das Geburtsjahr 1940. Wer jünger war, dem gehörte die Zukunft, wer älter war, stand im Abseits der Geschichte: »Trau keinem über dreißig!« Noch drastischer formulierte das die englische Rockband The Who in ihrem Song »My Generation«: »I hope I die before I get old!« (»Ich hoffe, ich sterbe, bevor ich alt werde!«) Eltern mussten nun entsetzt zur Kenntnis nehmen, dass ihre Kinder Beat und Rock hörten (»Negermusik!«), sich die Haare über den Hemdkragen wachsen ließen und sich das unerhörte Recht herausnahmen, aus der Reihe zu tanzen und das Selbst respektive dessen Verwirklichung zur neuen Religion zu erheben. Auf einmal waren nicht nur die moralischen Gewissheiten der Alten, sondern, so fürchteten nicht wenige, die Grundfesten der Gesellschaft überhaupt infrage gestellt. Erstmals seit den Hunnen schien das Abendland wieder ernstlich in Gefahr, und schuld waren die langhaarigen Hippiehorden.

Fünfzig Jahre später: Eine Ausstellung im Stadtmuseum von Münster dokumentiert jenes Jahr 1967. Mit großformatigen Pressefotos gewährt sie Einblicke in das Leben der westfälischen Pro

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