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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 17/2016
In eurer Welt kann ich nicht sein
Warum Liah vor ihrer Familie flieht
Der Inhalt:

»Ohne Schirm durch jeden Regen«

von Annette Lübbers vom 09.09.2016
Brigitte Dirks begleitet Sterbende im Hospiz. Dabei wollte sie sich mit Sterben und Tod lange nicht auseinandersetzen

Nie vergessen werde ich die erste Frau, die ich in den Tod begleitet habe. Eine erst 38-Jährige mit zwei kleinen Kindern. Bei jedem Besuch der Mutter musste ich an meine gleichaltrige Tochter denken – und spürte ganz bewusst ihren Schmerz. Die Kranke hatte einen schweren Leidensweg hinter sich. Aber sie lächelte. So strahlend, als sähe sie gerade etwas unendlich Friedvolles und Schönes. Und das sah sie wohl auch.

Lange Jahre habe ich auf das Thema Tod und Sterben so reagiert wie die meisten anderen: mit Ablehnung. Dann erkrankte eine gute Bekannte an Krebs und ich dachte: Das kann es doch nicht sein. Du musst lernen, damit umzugehen. 2003 lud ich als Vorsitzende des »Clubs der Behinderten und ihrer Freunde« eine Hospizmitarbeiterin zum Vortrag ein. Ich war beeindruckt – und startete eine Spendensammlung. Als ich den Scheck über 555 Euro überreichte, zeigte mir eine Mitarbeiterin die Station. Da hatte ich rasendes Herzklopfen: »Hier liegen ja Sterbende!« An jenem Tag stand ich im eiskalten Nieselregen, ohne Schirm. Zum ersten Mal im meinem Leben spürte ich: »Es ist so toll, dass du leben darfst.« Seit damals begleite ich Sterbende auf ihrer letzten Reise – und gehe ohne Schirm durch jeden Regen.

In der Ausbildung werden wir darauf hingewiesen, dass wir in manchen Situationen intuitiv reagieren dürfen und sollen. Mir ging es mit einem sehr unruhigen Gast so. Spontan sang ich für ihn »La, le, lu, nur der Mann im Mond schaut zu«. Er wurde dann ganz ruhig und schlief friedlich ein. Das war sehr berührend. Andere erzählen mir ihr halbes Leben. Manchmal halten mir aber die Sterbenden auch selbst einen Spiegel vor. Irgendwann habe ich mich im Beisein einer alten Dame, die sehr, sehr abgemagert in ihrem Bett lag, darüber aufgeregt, dass ich wieder einmal zugenommen hatte. »Wollen wir unsere Probleme tauschen?«, fragte sie lächelnd. Da habe ich mich geschämt. Natürlich gibt es Tage, wo mir das Leid zu viel wird. Da ist es dann gut, dass uns Ehrenamtlichen ein Pfarrer oder eine Pfarrerin zur Seite steht.

Traurig bin ich, wenn ich sehe, dass jemand gar nicht besucht wird. Und sehr froh bin ich, wenn die Kranken mir erzählen, wie wohltuend es ist, wenn Freunde und Familie sich um ihr Bett versammeln. Dann sage ich oft: »Sehen Sie – jetzt dürfen Sie ernten, was Sie im Leben gesät haben.« Ich bin seit zwölf Jahren dabei und ich habe es noch keinen Tag bereut. Unser Hospiz in Lüd

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