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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 17/2016
In eurer Welt kann ich nicht sein
Warum Liah vor ihrer Familie flieht
Der Inhalt:

Im Schlafzimmer von Ivo und Marija

Mit dem Rad nach Teheran: Auf dem Balkan geraten unsere Autoren in ein Unwetter – und an gastfreundliche Menschen

Seit wir die Donau in Ungarn verlassen haben, sind die Radwege selten geworden, und auch in Kroatien müssen wir die Straße oft mit Lastwagen teilen. Als ein Schild mit einem Fahrrad auf einen Schotterweg weist, halten wir sofort. Führt der Radweg in unsere Richtung? Wir beugen uns über die Karte auf Christophs Lenkertasche. Da fegt ein Windstoß den Sand aus dem Schotter, durch die Speichen und uns ins Gesicht. Als wir hochschauen, sehen wir den schwarz-blauen Rand einer Wolke. Dicke Tropfen klatschen uns auf Stirn und Wangen. Es bleiben nur Minuten, bevor das Gewitter losgeht. Wohin?

In unserer Wohnung würden wir jetzt die Balkontür öffnen, voller Vorfreude auf das Naturschauspiel, das die sommerliche Schwüle vertreibt. Aber ein Schauspiel ist ein Gewitter nur, wenn man im Zuschauerraum sitzt. Nicht hier – mit dem Rad auf einer Landstraße in Kroatien. Anders als Autofahrer in ihrem Faradayschen Käfig können Radfahrer ein Gewitter nicht ignorieren. Doch in den knapp drei Monaten, in denen wir mit Rad und Zelt unterwegs sind, haben wir gelernt: Wir können einem Gewitter davonradeln, wenn wir schnell genug sind. Im letzten Dorf gab es eine Bushaltestelle – also los!

Als wir ankommen, tröpfelt es, aber das Gewitter lässt sich Zeit. Kann sein, dass wir hier stundenlang festsitzen. Katharina fragt in einem Laden nach einer Pension. Es gibt keine. Erst in der nächsten Stadt, 16 Kilometer durchs Gewitter. Ob auch ein Zimmer okay wäre? Klar, sagt Katharina. Dann frage ich mal Ivo, bedeutet ihr ein Mann.

Ivo, der draußen mit anderen beim Bier zusammengestanden hat, sagt »okay«, und führt uns zu seinem Haus. Er spricht weder Englisch noch Deutsch. Ein Nachbar kommt zum Übersetzen vorbei. Er sagt: »Ihr könnt hier bleiben. Habt ihr noch Fragen?« – »Was kostet es?« – »Nichts.«

Wir sind verwirrt. »Äh, danke.« Wir dachten, Ivo würde Zimmer vermieten, als Zubrot zur Landwirtschaft. Erst mit der Zeit begreifen wir: Er hat uns eingeladen. Bloß weil wir mit Fahrrädern hier sind, von so weit weg. Als Christoph zu Studienzeiten per Anhalter und zu Fuß hier unterwegs war, ist er oft eingeladen worden. Doch wir sind keine mittellosen Studenten mehr. Und absichtlich ohne Geld zu reisen wäre eine Art Spiel gewesen. Aber kann man Gastfreundschaft, die von Herzen kommt, genießen, wenn die eigene Bedürftigkeit nur gespielt ist? Wenn einer Essen und Haus teilt, der sel

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