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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 17/2016
In eurer Welt kann ich nicht sein
Warum Liah vor ihrer Familie flieht
Der Inhalt:

Kolumne Von Fabian Vogt: Herings-Salat

vom 09.09.2016

»Vielleicht wäre es doch klug gewesen, das Zelt vorher einmal zur Probe aufzubauen«, sagt meine Frau in vorwurfsvollem Ton und betrachtet meine Versuche, uns aus einem wilden Haufen undefinierbarer Teile ein Zuhause zu basteln: wabbelige Planen, verknotete Kordeln, seltsame Stangen und ein Säckchen mit Heringen, das beim ersten Öffnungsversuch zerrissen ist.

»Der Typ im Laden hat gesagt, das erklärt sich alles von allein«, erwidere ich und frage mich mit ersten Anflügen von Panik, wie ich die Bauanleitung eigentlich halten soll. Die Beschriftung ist vermutlich klingonisch – und ich bin nicht sicher, ob es sich bei der Zeichnung wirklich um unser Zelt handelt. Es könnten auch Schnittmuster, der U-Bahn-Plan von Tokio oder eine Anleitung zum Schlachten von Flughunden sein.

Am Horizont ziehen dunkle Wolken auf. Wir sind in Holland. Es war übrigens die Idee meiner Frau, hier mit der ganzen Familie zelten zu gehen. Das sei preisgünstig und »vor allem so unglaublich naturverbunden«, hatte sie geschwärmt: »Das ist wie im Paradies. Abends spürst du die Erde unter dir. Nachts schleichen die Tiere um uns herum. Und morgens weckt dich ein Tautropfen, der von der Zeltwand auf deine Nase hüpft.« Während ich auf den Berg Herings-Salat starre, wird mir klar: Das waren Drohungen, keine Verheißungen.

Unsere Kinder sitzen immer noch im Auto und schmollen. Gerade ist ihnen nämlich klar geworden, dass es auf dem Zeltplatz keinen Fernseher im Zimmer gibt. Weil es ja auch kein Zimmer gibt. Außerdem funktioniert das WLAN nur an der Rezeption. Und die ist – wie das Sanitärgebäude – gefühlte fünf Kilometer entfernt.

»Bei uns bleiben Sie fit«, hatte die Frau bei der Anmeldung fröhlich verkündet. Na super. Wenn ich nachts um vier mal aufs Klo muss, sollte ich vermutlich vorher meine Trekkingschuhe anziehen und Proviant mitnehmen.

Es fängt an zu regnen. »Ich setz mich zu den Kindern ins Auto«, erklärt meine Frau und verschwindet, während ich spüre, wie der Regen meine Kleidung einweicht. Hat es eigentlich im Paradies auch geregnet? Und wie sind Adam und Eva damit umgegangen?

Die hatten ja nicht mal ein Zelt! Hat Eva auch gesagt: »Ach, Adam, es ist so schön, wenn dir morgens ein Tautropfen auf die Nase hüpft«?

Und hat Adam dann gedacht: »Wird höchste Zeit, dass du mal die Apfel-Nummer ab

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