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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 17/2016
In eurer Welt kann ich nicht sein
Warum Liah vor ihrer Familie flieht
Der Inhalt:

Die Mär vom Azubi-Mangel

von Wolfgang Kessler vom 09.09.2016
Jeden Sommer klagt die Wirtschaftslobby über zu wenig Auszubildende. Doch die Probleme liegen vor allem bei den Unternehmen

Jeden Spätsommer präsentieren die Arbeitgeberverbände die gleiche Geschichte: Die Betriebe suchten händeringend nach Auszubildenden, doch der Markt sei leergefegt. Diese Geschichte ist nicht ganz falsch, erzählt aber bestenfalls die halbe Wahrheit. Der andere Teil der Geschichte wird gerne verschwiegen: Hunderttausende Jugendliche finden keine Lehrstellen.

Natürlich gibt es die Probleme, die die Unternehmen beklagen: Viele junge Leute ziehen ein Studium einem Ausbildungsplatz vor. Speziell in ländlichen Gegenden fehlen Azubis, insbesondere im Handwerk. Und es gibt Jugendliche, die nur geringe Qualifikationen vorweisen können.

Andererseits zeichnet der Nationale Bildungsbericht ein differenziertes Bild der Lage. Er wird jedes Jahr von Wissenschaftlern erstellt und ist eine profunde Datensammlung im Bildungsbereich. In diesem Jahr lautet seine Botschaft: Die Betriebe bilden zu wenig aus. Das belegt der Bericht anhand von Zahlen. Rund 270 000 Jugendliche drohen in zahllosen Maßnahmen der Bundesagentur für Arbeit hängen zu bleiben – ohne Ausbildungsplatz. Unqualifiziert sind die meisten nicht: 26,7 Prozent haben einen Realschulabschluss, 47,7 Prozent die Hauptschule erfolgreich abgeschlossen. Doch selbst in gewerblich-technischen und kaufmännischen Berufen, die auch von Jugendlichen mit Abitur oft nachgefragt werden, gibt es zu wenig Lehrstellen.

Das liegt zunächst daran, dass nur jeder fünfte Betrieb überhaupt ausbildet. Und dass diese Betriebe an Hauptschülern überhaupt nicht interessiert sind. So zeigt ein Blick auf die bundesweite Lehrstellenbörse der Deutschen Industrie- und Handelskammer, dass zwei von drei Ausbildungsplätzen Hauptschülern verschlossen bleiben. Und selbst dort, wo sich Realschüler formal bewerben können, werden am Ende oft nur Abiturienten genommen.

Zudem beklagen nicht wenige Auszubildende schlechte Arbeitsbedingungen – beispielsweise im Einzelhandel, in der Gastronomie oder in der Pflege. Die Arbeitszeiten sind dort so unregelmäßig und lang, dass Azubis ihr jugendliches Privatleben stark einschränken oder ganz aufgeben müssen. Nicht selten gelangen sie frühmorgens nicht zur Schicht und spätabends nicht mehr nach Hause. Entsprechend hoch ist die Fluktuation in diesen Branchen, viele brechen die Ausbildung ab.

Diese Entwicklung auf d

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