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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 17/2015
Höchste Zeit
Klimakrise: Die Politik, der Papst und die Menschheit. Worauf es jetzt ankommt
Der Inhalt:

Turmbau zu Babel und Netz ohne Boden

von Michael Schrom vom 11.09.2015
Ein Gespräch mit Werner Thiede über die Naivität der Kirchen angesichts der Gefahren der Digitalisierung

Publik-Forum: Wenn die Kirche vor revolutionären technischen Neuerungen gewarnt hat, etwa vor der Eisenbahn, war sie am Ende oft blamiert. Warum sollte sie trotzdem vor der digitalen Vernetzung warnen?

Werner Thiede: Vor den gravierenden gesellschaftlichen und individuellen Folgen der digitalen Revolution warnen auch kompetente Kritiker außerhalb der Kirche. Von theologischer Seite her muss man sagen: Das christliche Menschenbild ist nicht vereinbar mit der Formel, dass man tun darf, wozu man technisch in der Lage ist.

Was ist schlecht daran, dass der Mensch mithilfe der Technik seine Möglichkeiten überschreitet?

Thiede: Technischer Fortschritt kann segensreich sein. Die radikale Digitalisierung unserer Kultur führt aber in sehr bedenkliche Dimensionen. Ich denke etwa an Cyber-Mobbing, Datenmissbrauch, Hacker-Gefahren, Internet-Süchte, Dark-Net, Cyber-Kriminalität und vor allem auch an Totalisierungstendenzen im Rahmen einer Überwachungsmaschinerie. Gerade bei ethischen Fragen tun sich im Netz Abgründe auf. Es geht nicht nur um Beliebigkeiten und Geschmacksfragen, sondern auch um folgenreiche Gestaltung – man denke zum Beispiel an die Digitalisierung des Straßenverkehrs, die uns bald selbstlenkende Autos mit entsprechenden Problemen bescheren wird. Sogar Demokratie und Menschenwürde halten einige für gefährdet. Also sind Gesellschaft, Politik und Kirchen enorm gefordert.

Was hat die Begeisterung für Technik mit dem Verlust von Glauben zu tun?

Thiede: Digitale Hightech-Möglichkeiten faszinieren angesichts ihrer berauschenden Möglichkeiten. Vieles wirkt wie Magie auf die Menschen und erhöht narzisstische Tendenzen enorm. Der Glaube an die Machbarkeit der Dinge – bis hin zur an visierten Herstellbarkeit von Unsterblichkeit mithilfe von Robotertechnik – lässt den Glauben an Gott und an die Vollendung seiner Schöpfung im künftigen Reich Gottes für viele »alt« aussehen. Die digitale Revolu tion fördert die Neigung, wieder einmal das menschengemachte »Paradies auf Erden« zu errichten. Ich wünschte, Kirche und Theologie würden diese Gefahren deutlicher wahrnehmen. Das Evangelium spricht den Menschen im Blick auf seine Sterblichkeit und Schuld an. Diese Fragen lassen sich kaum ernsthaft durch das Netz lösen.

Selbst wenn di

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