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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 17/2013
Schutzschirm der Seele
Was uns die Kraft gibt, immer wieder aufzustehen
Der Inhalt:

Immer wieder Leben retten

von Constanze Bandowski vom 13.09.2013
Im normalen Leben ist Tankred Stöbe (44) Internist in Berlin. Doch jetzt versorgt er Flüchtlinge an der irakisch-syrischen Grenze

Ich bin seit Mitte August am Grenzübergang Peschkabour zwischen Syrien und dem Nordirak im Einsatz. Heute habe ich rund fünfzig Menschen behandelt. Die meisten leiden unter Austrocknung, Kopfschmerzen und Erschöpfung. Kein Wunder, denn die Hitze übersteigt Temperaturen von mehr als fünfzig Grad Celsius. Die Menschen haben in der Regel einen Fußmarsch von einem Tag bis zu einer Woche hinter sich, darunter auch Schwangere und Kinder. Manche Frauen haben erst vor ein bis zwei Tagen entbunden und wandern mit ihrem Frischgeborenen über die Grenze. Sie müssen schnell notversorgt werden.

Es gibt aber auch chronisch Kranke, die direkt in eine Klinik gebracht werden müssen. Gerade heute hatten wir solch einen Fall: Ein junges Mädchen kam zu uns, das alle zwei Tage eine Dialyse braucht. Die letzte hatte sie gestern und es war klar, dass sie morgen dringend weiterbehandelt werden muss. Wir haben sie sofort an eine Klinik überwiesen.

Seltener sind Fälle von schweren Kriegsverletzungen. Diese Menschen würden den langen Fußmarsch gar nicht bewältigen können. Die medizinische Not der Flüchtlinge ist das eine. Viel entscheidender sind jedoch die psychischen Belastungen: Was passiert, wenn plötzlich jemand da ist und ihnen zuhört, ist wirklich erschütternd. Neulich kam eine ältere Dame zu mir, um sich den Blutdruck messen zu lassen. Der war nicht weiter auffällig, und so hieß ich sie willkommen und fragte, wie es ihr ginge. Diese Frage hatte ihr offensichtlich seit Langem niemand mehr gestellt, und sie brach in Tränen aus.

Dieses Phänomen beobachte ich häufig: Die Menschen haben in ihrem Leid überhaupt keine Chance mehr nachzudenken. Wenn ich frage, warum sie ausgerechnet jetzt fliehen und nicht schon vor zwei Jahren, als der Konflikt ausbrach, dann antworten sie, dass sie möglichst lange zu Hause bleiben wollten. Die Menschen harren aus, bis sie keinen Strom mehr haben, kein Wasser, keine Lebensmittel. Meist sind es akute Kampfhandlungen, die sie letztlich zur Flucht veranlassen.

Wenn ich sehe, dass ein Mensch derart um sein Leben kämpft, beeindruckt mich das als Arzt. Es erschüttert mich, wie diese Menschen auf das schiere Überleben reduziert sind. Diese Momente sind eine besondere Motivation, denn ich führe ja in Berlin ein relativ normales Leben mit einem guten Lebensstandard.

Als Internist und Akut-Mediziner interessiert

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