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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 17/2012
Verloren im Vatikan
Ein Reformkonzil wird 50
Der Inhalt:

Wohltuende Leere

von Laura Weißmüller vom 07.09.2012
Die Farbe Weiss ist in der Architektur ein stummer Botschafter für Ruhe geworden

Ist die Farbe Weiß das Ruhekissen für eine rastlose Gesellschaft? Wer sich durch die bunte Gegenwart bewegt, in der Werbebotschaften uns ständig und überall anbrüllen und die Fernsehkanäle ohne Unterbrechungen senden, könnte das glauben. Weiß garantiert eine beruhigende Leere, eine Pause von der Dauerschlaufe der Bilder. Wie das in der Architektur aussehen kann, zeigt Japan. Wenn man so will, gibt es ja so etwas wie zwei Versionen von diesem Land: Einmal die grellbunte Konsumwelt, in der Comicfiguren mit Kulleraugen durch pastellfarbene Landschaften hüpfen und haushohe Werbebanner aufdringlich blinkend die Wolkenkratzer der Großstädte umschlingen. Und dann das genaue Gegenteil: weiß, klar, aufgeräumt. Dieser Eindruck verdankt sich zunächst der traditionellen Architektur, allen voran der kaiserlichen Villa Katsura in einem westlichen Vorort von Kyoto. Die Wohnfläche ist winzig. Doch das fällt auf den ersten Blick nicht auf: Das Weiß der Papierwände weitet optisch die Zimmer – und sorgt gleichzeitig für Ordnung. Als wäre Weiß der Saubermacher unter den Farben, lässt es Räume aufgeräumt erscheinen. Der Blick muss sich nicht mit Wandfarben beschäftigen, die Formen sind sofort sichtbar und wirken klar und ordentlich.

Vermutlich ist es genau diese Eigenschaft der Farbe Weiß, die ihre Verwendung in der zeitgenössischen Architektur in Japan so populär macht. Dem grellbunten Konsumwahnsinn ihres Landes setzen Architekten wie Sou Fujimoto oder Ryue Nishizawa konsequent die Farbe Weiß entgegen. Und siehe da: Es funktioniert – ihre Häuser, oft nicht mehr als ein paar kleine Zimmerboxen, wirken nicht nur sehr viel größer, als sie tatsächlich sind. Die Bauten erscheinen auch wie ein meditativer Ruhepol inmitten der ringsum tosenden Farbschlachten. Nicht zufällig erinnern sie damit an Zen-Meditationsräume, die allein durch ihre strikte Klarheit und Leere als wohltuend empfunden werden.

Auch im Westen gibt es diese zwei Versionen einer Welt. Die Farbe Weiß ist deswegen auch hier so etwas wie der stumme Botschafter für Ruhe geworden. Sie lädt inmitten des alltäglichen Farb- und Bilderhurrikans, ausgelöst durch das 24-Stunden-Flimmern von Fernsehen, Internet und Werbebannern, zu kleinen Verschnaufpausen ein. Die Gedanken können sich dabei wieder sortieren und ein wenig Ordnung schaffen im Kopf. Der Blick darf auf das Wesentliche fallen – ob im Inneren seiner selbst oder in der direkten Umgebung.

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