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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 17/2012
Verloren im Vatikan
Ein Reformkonzil wird 50
Der Inhalt:

»Wir sind nicht verloren«

von Andreas Boueke vom 07.09.2012
Guy hatte eine Schwester, Smadar. Sie wurde 1997 getötet, als sich zwei palästinensische Selbstmordattentäter in die Luft sprengten. Am Tag der Beerdigung forderte die trauernde Mutter alle Anwesenden zur Aussöhnung mit den Palästinensern auf

Freitagnachmittag im israelischen Hörfunk. Guy Elhanan(Foto) moderiert seine kontroverse Talkshow mit dem arabischen Titel »Netuley Harta«, zu Deutsch: Kein Müll. In dem Gespräch mit einem Studiogast geht es um das Mit- und Gegeneinander von Juden und Arabern in Israel, Gaza und im Westjordanland. Sein Gesprächspartner heute ist Aziz Abu Sarah, ein palästinensischer Journalist. Noch vor wenigen Jahren wäre er nicht einmal auf die Idee gekommen, mit einem jüdischen Moderator im Radio aufzutreten. »Ich war sehr aktiv in der Anti-Friedensbewegung«, erzählt er. »Als ich 13 war, habe ich mich der palästinensischen Partei Fatah angeschlossen. Ich war einer der führenden Leute ihrer Jugendbewegung in Jerusalem. Damals habe ich geschrieben, dass Israel ein terroristisches Land ist, dass wir nie mit den Israelis reden oder mit ihnen Kompromisse eingehen dürfen. Mit diesem Denken bin ich aufgewachsen. Der Umstand, dass ich jetzt hier in der Sendung von Guy bin, ist Beleg für eine große Veränderung in meinem Leben.«

Heute sind Guy und Aziz Freunde. Kennengelernt haben sie sich in einer Gruppe trauernder Familienangehöriger von Opfern des israelisch-palästinensischen Konflikts. Die Mitglieder dieser Gruppe sagen, dass die Gewalt in der Region nur überwunden werden kann, wenn Israelis und Palästinenser miteinander sprechen. »Uns ist deutlich geworden, dass Menschen auf beiden Seiten Opfer von Unrecht und Besatzung sind«, sagt Aziz. »Um diesen Konflikt zu beenden, müssen wir zusammenarbeiten, anstatt uns gegenseitig zu hassen. Ich glaube, der Schmerz verbindet uns. Niemand kann Guy und mich besser verstehen, als wir uns gegenseitig verstehen. Nachdem mein Bruder gestorben ist, hatte ich dieselben Fragen, die auch er sich stellte, als seine Schwester gestorben ist.«

Nach der Sendung hat Guy nur wenig Zeit für ein Interview. Er muss bald weiter zur Hochschule der Künste. Dort arbeitet er an der Entwicklung eines Theaterstücks über den Alltag der Palästinenser unter der israelischen Besatzung. Er sagt, er habe verschiedene Foren, in denen er sich ausdrücken kann. »Zum Beispiel schreibe ich Lieder und Theaterstücke. Aber es war immer mein Traum, Radio zu machen. Diese Sendung ist die effektivste Ausdrucksmöglichkeit, die ich habe.«

Bisher weiß ich nur wenig über den 37-jährigen Guy Elhanan. Seine Eltern, sein Onkel und sein älterer Bruder sind alle

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