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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 17/2012
Verloren im Vatikan
Ein Reformkonzil wird 50
Der Inhalt:

»In der Krise nicht klein beigeben«

von Hartmut Meesmann, Britta Baas vom 07.09.2012
Die Errungenschaften des Konzils sollen wieder rückgängig gemacht werden. Warum lohnt es sich überhaupt noch, für Reformen zu kämpfen? Fragen an den Konzilstheologen Hans Küng

Herr Professor Küng, Bundestagspräsident Norbert Lammert hat beim Mannheimer Katholikentag gefordert, die Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils müssten jetzt endlich umgesetzt werden. Sehen Sie es ähnlich?

Hans Küng: Ich schätze Herrn Lammert als einen Politiker, der immer sehr offen sagt, wie die Lage ist. Ich bin, was das Konzil betrifft, ganz seiner Meinung.

Welche Probleme sind noch ungelöst? Und welche hat das Konzil damals gar nicht erst angegangen?

Küng: (nimmt den ersten Band seiner Memoiren zur Hand und schlägt eine markierte Seite auf) Sie müssen keine Angst haben, dass ich mich von nun an nur noch selbst zitiere, aber in diesem Fall vergesse ich nichts, wenn ich Ihnen den Katalog unerfüllter Forderungen an die Kirche auf Seite 579 vorlese. Nicht gelöst wurden folgende Fragen (er liest vor):»Geburtenkontrolle in persönlicher Verantwortung, Regelung der Mischehenfrage (Gültigkeit der Ehe, Kindererziehung), Priesterzölibat in der lateinischen Kirche, Struktur- und Personalreform der römische Kurie, Reform der Bußpraxis, Reform der Priesterkleidung und -titel, Einschaltung der betroffenen Kirchengebiete bei Bischofsernennungen, Papstwahl durch eine für die Kirche repräsentative Bischofssynode«. – Das ist eine Liste, die ich schon 1960 in meinem Buch »Konzil und Wiedervereinigung« gemacht habe. Vor fünfzig Jahren! Es ist tragisch, dass die größte religiöse Organisation der Welt immer noch in einer derartigen Blockade steckt.

Wie kommt das?

Küng: Das kommt aus dem Verharren im mittelalterlichen Denken. Mit der Gregorianischen Reform im 11. Jahrhundert, die eigentlich eine Revolution von oben war, wurde der päpstliche Absolutismus eingeführt, ein forcierter Klerikalismus und das Zölibatsgesetz. Die Reformation im 16. Jahrhundert ist dagegen angegangen, aber sie hat ja nur einen Teil der Christen erreicht. Die Päpste waren schon damals völlig taub gegenüber Reformforderungen. In der Zeit der Aufklärung und der Moderne im 18./19. Jahrhundert wurde es nicht besser. Rom war und blieb auf Restauration geeicht. Auch Joseph Ratzinger können Sie heute nur verstehen, wenn Sie ihn vor diesem Hintergrund sehen. Theologisch bezieht er sich auf Augustin und Bonaventura, er hat

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