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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 17/2011
Das verlorene Vertrauen
Papstbesuch: Katholische Kirche zwischen Himmel und Hölle
Der Inhalt:

Generation Dümpel

von Ansgar Martins vom 08.09.2011
Endlich: Die Jugend protestiert. Doch Demonstranten und Sympathisanten vermeiden grundlegende Gesellschaftskritik

Die Welt staunt. Der »arabische Frühling«, Bildungsproteste in Chile und politisch demonstrierende Massen in Madrid scheinen zu zeigen, dass doch noch irgendwo ein kritisches Bewusstsein herrscht. Und dann noch so ein fotogenes! Aufnahmewillige Zeitgenossen glaubten sich an der Schwelle historischer Ereignisse: Vom »Aufstand der Jungen« schrieb etwa Die Zeit und rief »die größte Revolte seit 1968« aus. Der Schriftsteller Stéphane Hessel träumt sich gar »neue Eliten« herbei, die »das Positive in der Psyche« repräsentieren. Weit weniger malerisch sind die realen Umstände der Demonstrationen: Arabische Widerständler müssen schon um elementare Grundrechte kämpfen; englische Randalierer glauben sich auf einem berechtigten Rachefeldzug; Angehörige der israelischen Mittelschicht demonstrieren für geringere Mieten und billigeren Hüttenkäse. Was vereint diese Demonstranten? Was an ihnen ist »jung« oder »jugendlich« – und was um Himmels willen zukunftsweisend?

Mich hat zunächst der romantische Wohlfühltouch überrascht, mit dem die unterschiedlichsten Protestziele hierzulande medial garniert werden. Die gutaussehende Camila Vallejo, leitend bei den Studierendenprotesten in Chile, wird beispielsweise regelrecht zu einem weiblichen Robin Hood stilisiert. Dabei schien doch »die Jugend« immer uninteressiert und »verwöhnt«. Betitelungen wie Generation Youporn malten den Teufel moralischer Verwahrlosung an die Wand. Bestseller- und Talkshow-»Experten« forderten nahezu unwidersprochen die Rückkehr zu einer Erziehung mit »klaren Grenzen« und Regeln. »Eltern scheinen sich hierzulande nicht nur ›um‹ ihr Kind zu ängstigen, sondern auch ›vor‹ ihrem Kind«, konstatierte die Historikerin Miriam Gebhardt 2008 in ihrer Habilitationsschrift zur Erziehung im 20. Jahrhundert.

Heute verwundern dagegen die Loblieder auf Jugendproteste und stellen dieses Bild auf den Kopf. Das ist gut so, vor allem für die Angehörigen meiner Generation, die dann nicht mehr kollektiv als faul und irgendwie ungebildet dargestellt werden. Trotzdem wird so bloß die eine oberflächliche Sichtweise durch eine andere ersetzt: Jugendlichen aus aller Herren Länder wird unterstellt, ihr größter Traum sei nicht mehr als der Wunsch nach einer ordentlich bezahlten Beschäftigung. So ähnlich nahm sich beispielsweise ein groß angelegter Bericht in der Süddeutschen vom 25.

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