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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 16/2018
Hitze-Schock
Wie Landwirte und Verbraucher jetzt umsteuern müssen
Der Inhalt:

Kolumne von Anne Lemhöfer: Abpfiff!

vom 24.08.2018

Eine meiner liebsten Kindheitserinnerungen geht so: Es ist Samstag, 15.30 Uhr, mein Vater putzt die Treppe. Vielleicht blättert er auch ein Buch durch auf der Suche nach einem guten Zitat für seine nächste Rundfunksendung. Oder er schmiert mir ein Brot und legt eine Scheibe von meinem Lieblingskäse drauf (dem Emmentaler mit dem roten Rand). Eigentlich ist es auch egal, was er macht. Wichtig ist die Geräuschkulisse: »Tooooor, Tor für Eintracht Frankfurt …«, »Da nimmt sich Grabowski den Ball und dribbelt nach vorn, aber was ist das? Der Schiedsrichter pfeift Abseits, das kann doch nicht … doch, er pfeift Abseits … Pfüüüüt«.

Ich liebte die Konferenzschaltung der Bundesliga im Radio. Sie war meine Geräuschkulisse für die wunderbar entspannten Samstage meiner Kindheit. Alle sind zu Hause, jeder wurschtelt ein bisschen vor sich hin, und im Hintergrund brandet Torjubel. Für Fußball habe ich mich nicht wirklich interessiert. Und doch sind in meiner Wahrnehmung Vereinsnamen wie »Waldhof Mannheim« oder »Bayer Uerdingen« fest verknüpft mit diesem wohligen Alte-Bundesrepublik-Gefühl aus den 1980er-Jahren, zu dem auch Thomas Gottschalk und Ostfriesennerze gehören. Samstag ist Fußball, und zwar von 15.30 bis 17.15 Uhr. Da kann die Berliner Mauer fallen, da kann sich die Welt neu ordnen, egal. Halb vier am Samstag ist Fußball. Und um Viertel nach fünf ist der Spuk vorbei. – Das war einmal. Ein Bundesliga-Wochenende dauert heute nicht mehr 105 Minuten, sondern vier Tage. So ein Spiel ist schließlich wertvolle Werbezeit. Jetzt geht es wieder los. Anpfiff zur Hinrunde!

Ich habe einen Fan geheiratet. Die DNA meines Mannes, da bin ich mir sehr sicher, ist zur Form eines Adlers mutiert, dem Eintracht-Wappen. Mich rührt das. Ich bin Frankfurterin. Mein Vater und mein Bruder: Eintrachtfans. Sämtliche meiner Exfreunde: Eintrachtfans (einer hat sogar mal eigenhändig eine Fahne genäht von der Größe eines Reihenhausgartens). Meine Freundin Jule: stolze Besitzerin selbstgestrickter Vereinsschals.

Ich schreibe diese Kolumne in einem Raum, an dessen Wand die Bundesliga-Stecktabelle gepinnt ist. Beim Pokalsieg im Mai sind mir Tränen der Rührung entronnen. Ich leide mit meinen Lieben. Doch der Fußball hat seine Unschuld verloren. Nicht nur das Pfüüüüt und das Geschrei und die aufgeregte Stimme des Kommentators, auch die Interviews mit verschwitzten Mittzwanzig

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