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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 16/2015
Unter die Haut
Sechs Monate mit syrischen Flüchtlingen unter einem Dach
Der Inhalt:

Ich singe, also bin ich

von Eva-Maria Lerch, Birgit Roschy vom 28.08.2015
Im Kino boomen die Chorfilme. Sie illustrieren die Sehnsucht einer vereinzelten Gesellschaft nach Gemeinschaft und Harmonie

Der »American Boychoir« ist so etwas wie das amerikanische Pendant zu den Wiener Sängerknaben: Ein weltberühmter Knabenchor mit glockenhellen Stimmen, unschuldigen Jungengesichtern, weißen Hemden und höchster Perfektion. Das real existierende Sänger-Internat bildet ein beeindruckendes Setting für den hochkarätig besetzten Film »Der Chor – Stimmen des Herzens«, der soeben in deutschen Kinos angelaufen ist.

Das Drama, in dem Dustin Hoffman den Chorleiter spielt, markiert einen Trend: Seit der Jahrtausendwende boomen Spiel- und Dokumentarfilme über Chöre. Nicht nur Sex und Crime, Liebe und Tod füllen die Kinosäale, sondern zunehmend auch die Stimmen von Menschen, die zu einer gemeinsamen Harmonie gefunden haben.

Das französische Nachkriegsdrama »Die Kinder des Monsieur Mathieu« beispielsweise begeisterte neun Millionen Franzosen und eine Million Deutsche. In dem Film werden schwererziehbare Jungs von ihrem Musiklehrer zu einem engelhaften Chor geformt. Das Barockstück »Ô nuit«, das von diesen Jungen gesungen wird, war 2004 in Frankreich der am meisten heruntergeladene Handy-Klingelton.

Der schwedische Spielfilm »Wie im Himmel« war 2005 als »bester nicht englischsprachiger Film« für den Oscar nominiert. In dieser Tragikomödie kehrt ein herzkranker Dirigent in sein Heimatdorf zurück und verwandelt den schwachbrüstigen Kirchenchor in eine musikalische Offenbarung. Indem die Sänger ihren je eigenen Ton finden, erfahren sie ihren Körper als Resonanzraum ihrer eigenen Identität: Ich singe, also bin ich. Die Folgen für die Dorfgemeinschaft, in der die Protagonisten ihre freigewordenen Emotionen leben, sind beträchtlich.

Auch das Roadmovie »Vaya con Dios«, in dem drei Mönche vor allem traditionelle Kirchengesänge zu Gehör bringen, wurde zum Dauerbrenner. Regisseur Zoltan Spirandelli, einst selbst im Kirchenchor, hatte schon zuvor mit seinem interaktiven Kurzfilm »Der Hahn ist tot« Preise gewonnen. Darin leitet er von der Leinwand herab das Kinopublikum zum Singen des Kanons »Der Hahn ist tot« an.

Die seelische Wirkung des Singens wird besonders ergreifend in »[email protected]«, einem Dokumentarfilm über einen Rock-’n’-Roll-Seniorenchor demonstriert. Die alten, gebrechlichen Sänger laden Soul- und Rocksongs wie James Browns »I Feel Good« oder Bob Dylans »Forever Young« mit solcher Intensität auf, dass

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