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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 16/2014
Frieden schaffen – mit Gewalt?
Der Inhalt:

Kolumne von Anne Lemhöfer: Linsenweisheit

vom 29.08.2014

Mein Laptop glüht. Jule und ich schauen Urlaubsfotos an. Ein Glas Rotwein im Abendlicht (Savoir vivre!). Die gefährlich aussehende Klippentreppe hinunter in eine sagenhaft idyllische Bucht (Botschaft: Hier war jemand, jawohl, abseits der ausgetretenen Pfade unterwegs). Dieser alte Mann mit der lustigen Mütze auf dem Fahrrad (Kontakt zu Einheimischen!). Richtig, Jule war in der Bretagne. Dann kommen meine Fotos von der dänischen Insel Bornholm: die Schornsteine einer Fischräucherei vor brausender Ostsee (nicht im Bild: der Reisebus vor der Tür). Ein menschenleerer Traumstrand (schlaue Menschen fahren in der Nebensaison!). Ein Glas Weißweinschorle im Abendlicht (Savoir vivre!).

Urlaubsfotos sind eine ausfüllende Beschäftigung: Seit die Waschmaschine brummend und knirschend die gesammelte Dreckwäsche aus dem Koffer herumgewirbelt hat, versuche ich, aus etwa 1470 Bildern ein Album zu gestalten. Die restlichen müssen entweder gelöscht, in einem Ordner auf dem Desktop geparkt oder in die sorgsam kuratierte Angeber-Auswahl für Facebook herübergezogen werden (sicherer Kandidat: das Weinglas). Das alles dauert ungefähr so lange wie der Urlaub selbst und macht großen Spaß. Denn es sind schöne Bilder. Natürlich sind es schöne Bilder. Ich weiß schließlich, was eine gelungene Dänemark -Reise ausmacht.

Und Jule weiß, welche Fotos aus einem Frankreich-Urlaub unbedingt erwartet werden. Ob sie es bedauert, dass der alte Mann kein Baguette auf dem Gepäckträger hatte, als er ihr vor die Linse fuhr? Obwohl: Zu viel Klischee ist auch wieder kontraproduktiv.

Fotos seien die »Beglaubigung von Erfahrung«, meinte die amerikanische Publizistin Susan Sontag. Denn egal, wo Menschen ihren Urlaub verbringen: Den Inhalt der Speicherkarten, die sie aus der Ferne mitbringen, kann man mit großer Treffsicherheit unbesehen erraten. Da sind Jule und ich nicht allein. Freund P. war in Thailand und hat mitgebracht: eine sich neigende Palme über dem weißen Strand. Ein einheimisches Kind mit Zahnlücke. Einen farbenfrohen Stand mit örtlichen Gewürzen. Ein charmant-witziges selbstgemaltes Schild, wie es in Ländern üblich ist, die in den Kinderschuhen des Kapitalismus stecken (»Handsome laundry. Clean and good smell for ten years«).

Natürlich: Die Welt ist kleiner geworden. Dank Google-Earth, der Tagesschau und Frau M

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