Zur mobilen Webseite zurückkehren
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 16/2012
Mordshunger
Die Würde des Tieres ist antastbar
Der Inhalt:

Vom Händler zum Heiler

von Helen Knust vom 24.08.2012
Anders leben: Jürgen Röthig handelte mehr als zwanzig Jahre mit Aktien – dann stieg der Banker aus und wurde Heilpraktiker. Jetzt behandelt er die Schmerzen seiner Patienten

Die Hände liegen groß und kräftig auf der Schulter der Patientin. Die Daumen graben sich durch Schichten von Haut und Muskeln, suchen den Ansatz der Bizepssehne, bauen langsam Druck auf. Jetzt heißt es den Schmerz aushalten. Nach zwei Minuten wird es besser, der nächste Punkt ist dran.

Die Hände gehören Jürgen Röthig. Früher war er Banker, seine Welt bestimmt von Zahlen, Meetings und Geld. Nach der Lehre zog er von Dortmund nach Frankfurt. Mit der Karriere ging es steil bergauf. Röthig eröffnete Bankfilialen, handelte mit Aktien, arbeitete in New York, war Partner beim Privatbankhaus Metzler und Geschäftsführer der Frankfurter Wertpapierbörse. Heute ist er Heilpraktiker in Oberursel am Taunus. Den schwarzen Anzug hat er gegen weiße Hose und Hemd getauscht, den funktionalen Arbeitsplatz im Großraumbüro gegen einen kleinen Behandlungsraum mit Liege und Sitzecke, das Diktat eines vollen Terminkalenders gegen die Freiheit der Selbstständigkeit.

In der Praxis liegt Wellness-Aroma in der Luft, es läuft Entspannungsmusik. Röthig verkauft nicht mehr an Kunden, er kümmert sich um Patienten. Zur Schmerztherapie nach Liebscher und Bracht gehören auch Dehnübungen. Mit Schwung rollt Röthig eine grüne Schaumgummimatte über das dunkle Laminat und turnt vor. Der Ex-Banker in Bauchlage.

Den Schlussstrich unter sein Leben in der Finanzbranche zog Röthig 2008. »Wenn man den ganzen Tag aus demselben Fenster schaut, merkt man nicht, dass der Rasen die Farbe verliert«, sagt er. Seine Frau ist Lehrerin an einer Waldorfschule. »Die Anthroposophen glauben, der Mensch entwickelt sich in Jahrsiebten.« Vor einem Jahr war die Praxis fertig, ungefähr zum 49. Geburtstag. Mehr sieben geht nicht.

Nach drei Druckpunkten beim Du

Als Partner bei Metzler klingelt Röthigs Wecker morgens um sechs. Nach einem schnellen Frühstück sitzt er um sieben im Büro, geht die Zeitungen durch. Die Analysten kommen zusammen, die Verkäufer und Händler; sie tauschen sich über die Nachrichten der Nacht aus. Röthig hört zu, gibt Impulse, bewertet, analysiert, dann widmet er sich dem Tagesgeschäft. »Es war die schönste Zeit in meinem Arbeitsleben«, sagt er. In dem familiär geführten Unternehmen hat er Freiraum. Er führt 120 Mitarbeiter, die meisten davon im Ausland.

Dann platzt 2001 die Dotcom-Blase. Seine

PFplus

Weiterlesen mit Publik-Forum Plus:

Digital-Zugang
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen
Digital-Zugang für »Publik-Forum«-Print-Abonnenten
  • Ergänzend zu Ihrem Print-Abonnement
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen