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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 15/2017
Was ist eine christliche Ehe?
Ein evangelisch-katholischer Disput
Der Inhalt:

Was mir die Reformation bedeutet: Der Geist der Reformation im Islam

von Omid Nouripour vom 11.08.2017

Der Beginn der Reformation vor 500 Jahren ist ein Jubiläum des Christentums, doch es strahlt weit über diese Religion hinaus. Reformation steht, sehr vereinfacht gesagt, für die Möglichkeit einer grundlegenden Veränderung in den Dogmen und Institutionen einer Religion, für das Aufbrechen verkrusteter Strukturen, für den Glauben »von unten« statt »von oben«. Das sendet eine positive Botschaft aus: Vorschriften sind nicht für die Ewigkeit, selbst solche in der Religion nicht. Sie können, ja, sie müssen immer wieder diskutiert und verändert werden.

Solche Veränderung mit anzustoßen, dafür bin ich in die Politik gegangen. Da ich selber Muslim bin, werde ich häufig mit dem Gedanken konfrontiert, auch der Islam müsse sich nun endlich einmal reformieren. Egal ob wohl- oder übelmeinend – diese Forderung verfehlt ihr Ziel. Das hat mehrere Gründe. Zum einen ist die Struktur des Islams anders als die des Christentums. Der Islam kennt keine Institution mit der Autorität, verbindliche Auslegungen für die gesamte muslimische Glaubensgemeinschaft zu äußern. Er hat damit auch keinen »Gegner« wie die vorreformatorische Kirche. Nicht ohne Grund endeten islamische Lehrmeinungen über viele Jahrhunderte mit dem Satz: »Wie es aber wirklich ist, weiß Gott allein.« Innerhalb der vielstimmigen theologischen Debatte in der islamischen Welt gab es schon immer ein breites Spektrum an Positionen, von denen auch viele jahrhundertealte als »reformatorisch« durchgehen würden.

Heute haben wir es jedoch in einigen islamischen Milieus mit einer Haltung zu tun, die man sehr lose vielleicht als gegenreformatorisch (nicht vorreformatorisch) bezeichnen könnte. Das zeigt sich zum Beispiel daran, dass die relativierende Formel, dass Gott allein die letzte Wahrheit kenne, aus der Mode gekommen ist. Viele (mehr oder weniger) Gelehrte meinen, die Wahrheit ihrer Religion für sich beanspruchen zu können. Diese reaktionären Tendenzen sind aber nicht in erster Linie theologisch begründet. Sie sind eine kulturelle und politische Reaktion auf Phänomene wie etwa die Modernisierung samt Übernahme »westlicher« Werte und Verhaltensweisen, Krisen, die durch Kolonisierung und Grenzziehung geschaffen wurden, die Unfähigkeit säkularer politischer Eliten und, wie auch bei uns, die Globalisierung mit ihren Herausforderungen.

Aber auch diese reaktionären Tendenzen sind nicht widerspruchslos geblieben. Reformatoren u

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