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Die Zeitschrift, die für eine bessere Welt streitet ...Ausgabe lesen

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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 15/2015
Rechte Christen
Woher sie kommen. Wie man sie aufhält
Der Inhalt:

Netz & Gott

Seelsorge im Internet: Ermöglicht die Distanz im virtuellen Raum mehr Ehrlichkeit und Nähe?

Mein Chef baggert mich an.« – »Mein Freund hat per SMS mit mir Schluss gemacht.« – »Ich denke an Selbstmord.« Drei typische E-Mails, die bei Internetseelsorgern eingehen. Schon vor zwanzig Jahren, als das Internet noch etwas für Spezialisten war, erkannten Theologen die Chancen, die das virtuelle Netz für die Seelsorge bietet. Jakob Vetsch war der Erste. Der reformierte Schweizer Pfarrer richtete 1995 eine Online-Seelsorge ein: www.seelsorge.net ist heute ein Schweiz-weites ökumenisches Portal. Die deutsche Telefonseelsorge ermöglichte kurze Zeit später, auch per E-Mail um Beratung zu bitten. Heute sind etliche Bistümer, Landeskirchen sowie Caritas und Diakonie mit seelsorgerlichem Beistand und Beratungsangeboten im Netz.

Einen Seelsorger oder eine Beratungsstelle aufzusuchen erfordert Überwindung. Manchmal lassen sich seelische Nöte selbst im anonymen Telefongespräch nicht ausdrücken. Wer etwas aufschreiben kann, hat mehr Distanz und vor allem Zeit zum Formulieren. Viele Online-Seelsorge-Portale bieten die Möglichkeit zu anonymen Anfragen. Durch die extreme Distanz, die das Web schafft, entsteht, so die Erfahrung vieler Seelsorger, leichter Nähe zum Ratsuchenden. Manchmal sind es auch praktische Gründe, die für eine Mail sprechen: Eine alleinerziehende Mutter, ein Mann mit Behinderung oder ein älterer Mensch auf dem Lande haben es schwer, eine Beratungsstelle zu erreichen.

Der Internetseelsorger Norbert Lübke aus dem Bistum Hildesheim meint sogar: »Die Menschen lügen seltener, wenn sie eine Mail schreiben.« Er beruft sich auf wissenschaftliche Studien. Anders als im persönlichen Gespräch und am Telefon sei die Versuchung, sich »besser« darzustellen, beim Schreiben geringer.