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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 15/2013
Die Andersleute
Haben die Orden noch eine Zukunft?
Der Inhalt:

»Wenn ich nicht mehr weiterweiß …«

von Monika Herrmann vom 16.08.2013
Sie suchen ein bisschen Zuwendung, ein paar Stunden Ruhe und ein warmes Essen.
Bei der Berliner Ärztin
Jenny de la Torre bekommen Obdachlose nicht nur Pillen

Guido hat diesen Blick, der sofort erkennt, wer welche Hilfe braucht. Niemand kommt an seinem Anmelde-Tresen vorbei. »Ich schaue die Patienten an und weiß, dass sie oft nicht nur Magenschmerzen haben, sondern auch Läuse oder Würmer, die sich in ihre offenen Wunden an den Beinen eingefressen haben.« Guido ist examinierter Krankenpfleger. Sein Arbeitsplatz ist ein etwas unkonventionelles Gesundheitszentrum in der Mitte Berlins. Wer hier ankommt, ist ganz unten, hat keinen festen Wohnsitz, keine Krankenversicherung, kein Geld und lebt auf der Straße. Meistens jedenfalls. Der junge Mann, der gerade an Guidos Tresen steht, war viele Jahre in keiner Arztpraxis. Aber jetzt tut ihm alles weh, er hustet und hofft auf ärztliche Hilfe. Er hat von dieser ungewöhnlichen Arztpraxis erfahren, dass hier Menschen wie er nicht abgewiesen werden. Und nun sitzt er auf einem der weißen Stühle und wartet auf die Ärztin. Jenny de la Torre heißt sie, vor rund zehn Jahren hat sie das Zentrum gegründet. Die Arztpraxis im Parterre gehört dazu.

Guido ist hier einer der vielen Mitarbeiter. Er kennt sich aus mit den unterschiedlichen Krankheiten, aber was er hier im Gesundheitszentrum zu sehen bekommt, ist oft selbst für den Profi nicht leicht zu verkraften. »Wenn die Menschen kommen, schaue ich erst mal, wie sehen ihre Haare aus. Sind sie verkrustet, deutet das auf Läuse. Also werden sie erst mal isoliert und entlaust, sie bekommen neue Klamotten, können duschen und essen und dann gucken wir nach weiteren Beschwerden.«

An diesem Freitagmorgen ist es noch ruhig in dem Klinkerbau aus DDR-Zeiten. Das zweistöckige Haus ließ Jenny de la Torre sanieren und umbauen, damit es passt für die Bedürfnisse von Menschen, die auf der Straße leben. Denn auch sie werden krank und brauchen Hilfe. Niedergelassene Ärzte schütteln die Köpfe, »wenn die Penner auftauchen«. Weil sie stinken, Krätze oder Läuse haben, sich oft nicht artikulieren und vor allem keine Krankenversicherung haben.

Jenny de la Torre hat ihr Behandlungszimmer gleich hinter Guidos Tresen. Ein einfaches Zimmer mit Blick auf den großen Garten hinter dem Haus. »Es gibt für diese Menschen in unserem Gesundheitssystem keinen Platz«, sagt die 59-jährige in Peru geborene Ärztin. Sie hat deshalb ein ganz anderes Hilfesystem entwickelt, das all die auffängt, die anderswo durch alle Roste gefallen sind. »Ganzheitliche Behandlung«, nennt sie das. Soll

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