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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 15/2013
Die Andersleute
Haben die Orden noch eine Zukunft?
Der Inhalt:

Ungeduldig und unangepasst

von Bettina Röder vom 16.08.2013
Sie sind oft jung und nicht bereit, sich dem Mainstream der alten Garde zu unterwerfen. Was Erstkandidaten für den Bundestag antreibt. Teil 2 der Publik-Forum-Serie zur Wahl

Puh, die Hitze macht zu schaffen.« Cansel Kiziltepe sitzt in T-Shirt und türkisfarbenen Shorts unter den Ahornbäumen am Berliner Gendarmenmarkt und rührt in ihrem Kaffee. Die Sonnenbrille hat sie in die schwarzen Locken geschoben, unverstellt schaut sie ihr Gegenüber an. Keine Rolle, keine gestelzte Politikersprache. »Die werde ich mir hoffentlich auch nie angewöhnen«, sagt die 38-Jährige und lacht. Sie ist eine von 68 SPD-Politikerinnen und Politikern, die zum ersten Mal für den Deutschen Bundestag kandidieren. Und ihre Chancen sind gut. Die Tochter türkischer Einwanderer steht auf der Landesliste an Nummer fünf. Sie tritt in Friedrichshain-Kreuzberg-Prenzlauer Berg Ost an – einem großen Wahlbezirk mit Menschen aus Ost und West und vielen Migranten zumal.

»Ich bin ein Arbeiterkind«, sagt sie nicht ohne Stolz. Ihr Vater, der Anfang der 1960er-Jahre nach Westberlin kam, war Betriebsschlosser bei Mercedes. Er hat die kleine Cansel jeden Morgen noch vor der ersten Schicht in die Gesamtschule gebracht, die vier Haltestellen weg war. »Meine Freundinnen, die keine Schule besucht haben, sitzen daheim, sie haben keinen Beruf.«

Die zierliche Frau ist in ihrem Element. »Dank der Brandt'schen Bildungsoffensive konnte ich als Arbeiterkind Volkswirtschaft studieren«, sagt sie. Heute pendelt sie zwischen Berlin und Wolfsburg. In der Personalabteilung bei VW hat sie einen verantwortlichen Posten. Ihr gefällt der Laden, weil er »so sozial und demokratisch mit den Arbeitern umgeht«. Und genau darum geht es ihr in der Politik: Die SPD müsse zurück zu ihren Wurzeln und die Interessen der Arbeiterinnen und Arbeiter vertreten. Weg vom neoliberalen Mainstream der Partei, von der »Entsozialdemokratisierung«, sagt sie.

Zahlreiche neue Anwärterinnen und Anwärter für den Bundestag bangen, wenn am 22. September gewählt wird. Auffällig ist, dass viele von ihnen jung sind und alles andere als bereit, sich stromlinienförmig an den politischen Mainstream der alten Garde anzupassen. Wie lange, das ist die spannende Frage, wenn der politische Alltag sie einholt. Auffällig ist, dass sie zuallermeist das Politikerdasein mit Idealen anstreben. Über den Wunsch nach Macht sprechen sie nicht. Vielleicht auch, weil es im Moment nicht gerade »in« ist, Politiker zu sein. Es geht ihnen um die Menschen, um die Zukunft der Demokratie, sagen sie. Ihre

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