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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 14/2019
Homosexualität und Kirche
Wo ist das Problem?
Der Inhalt:

Auf der Suche nach der verlorenen Leichtigkeit

von Céline Grillon vom 26.07.2019
Die Zeichnerin Catherine Meurisse überlebte den Anschlag auf die Satirezeitschrift »Charlie Hebdo«. Ihre Graphic Novels sind eine Hommage an das Schöne und Lebendige – und voll derber Komik

Catherine Meurisse lebt. Sie lacht, ziemlich laut sogar, und blödelt herum, sodass alle Bedenken, wie man einen Menschen, der eine Gräueltat erlebt hat, auf das traumatische Erlebnis wohl anspricht, sofort verschwinden. »Kein Grund, sich aufzuspielen!«, sagt sie. Diese Bescheidenheit wolle sie von ihrer Zeit bei der legendären Satirezeitschrift »Charlie Hebdo« behalten: »Wir dienten der Zeitung. Die großen Parolen, das war wirklich nicht unser Ding. Wir lachten einfach über das Absurde im Leben. Wir lachten zusammen, um uns vor nichts fürchten zu müssen – und schon gar nicht vor dem Tod.«

Am 7. Januar 2015 wurden neun Mitglieder der kleinen Redaktion durch zwei Dschihadisten getötet. Zwölf weitere wurden teilweise schwer verletzt. Meurisse kam davon, weil sie, von Liebeskummer geplagt, verschlafen hatte und später als sonst zur Arbeit aufgebrochen war. Auf der Straße begegnete sie ihrem Kollegen Luz, der ebenfalls verschlafen hatte und ihr sagte, sie solle nicht raufgehen. Es gebe dort eine Geiselnahme. Sie flüchteten in ein Gebäude um die Straßenecke.

Nach dem Attentat fand Meurisse unter Schock zunächst noch die Kraft, an der Folgeausgabe mitzuwirken, dem »Journal der Überlebenden«, das zu sieben Millionen Exemplaren in 16 Sprachen gedruckt wurde. Danach brach sie zusammen. »Ich fühlte mich, als wäre ein fünfzigstöckiges Hochhaus auf mich eingestürzt: Andere waren tot, ich war am Leben.« Wie sollte sie je wieder zu der Zeichnerin werden, die sie davor gewesen war? War sie überhaupt noch am Leben? Zwischenzeitig litt sie unter Amnesie. So griff Meurisse wahllos in ihre Materialien und fing an, Landschaften mit Pastell zu zeichnen. Das sollten die ersten Bilder einer Graphic Novel werden, von der sie noch nicht ahnte, dass sie sie eines Tages – im Frühling 2016 – unter dem Titel »La légèreté« (»Die Leichtigkeit«) veröffentlichen würde.

In diesem unbewussten Zustand leitete einzig die Erinnerung an ein einmaliges Erlebnis ihre Hand: Ein paar Wochen zuvor hatten sie Freunde an den Atlantik gefahren in der Hoffnung, die Schockstarre in ihrem Gehirn zu lösen. Dort angekommen, sei ihr gewesen, als sähe sie den Ozean zum ersten Mal. »Ich war gleichzeitig der Himmel, der Wind, das Meer. Ich hatte das Gefühl, nur noch aus zwei Augen zu bestehen.« Diese Bilder quasi ohne Text stellen bewegende Höhepunkte des Buches dar. Dort steht man den Emotionen am Nächsten.

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