Zur mobilen Webseite zurückkehren
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 14/2018
Geborgen und unbehaust
Was Religion über Heimat sagt
Der Inhalt:

Streitfragenzur Zukunft: Mit GottStaat machen?

von Wolfgang Thierse vom 27.07.2018
Ja! Die Demokratie lebt vom Geist der Menschlichkeit Mit Gott darf man keine Herrschaft begründen. Aber die Freiheit schon

Will das wirklich jemand: Mit Gott Staat machen? Wir reden von unserem Land, von unserem Kontinent – und nicht vom Iran oder von Saudi-Arabien. In unserem Teil der Welt sind die Zeiten vorbei, in denen Staat und Religion, Thron und Altar engstens miteinander verquickt waren, staatliche Herrschaft sakral überhöht und legitimiert wurde, das Gottesgnadentum selbstverständlich war. Ist ein Rückfall in solche Zeiten eine realistische Gefahr? Ich glaube es nicht.

Seit der amerikanischen und der Französischen Revolution gilt das Volk als Träger der staatlichen Gewalt, ist die Volkssouveränität die Legitimationsgrundlage des säkular gewordenen Staates. Und säkular ist der Staat genau dadurch, dass sich staatliche Gewalt in rechtlicher Hinsicht allein demokratisch und eben nicht religiös legitimiert. Seit 1919 (seit der Weimarer Verfassung) hat Deutschland keine Staatskirche oder Staatsreligion. Nur in den vierzig Jahren DDR gab es eine Art von Staats-Ersatzreligion, hat sich der Staat als sinnstiftende Instanz definiert. Die Folge war eine weltanschauliche Erziehungsdiktatur, die zum Glück gescheitert ist.

Wir leben in einem säkularen Staat, aber nicht einfach in einer säkularen Gesellschaft, sondern in einer religiös-weltanschaulich pluralen, wie das alle Zahlen – vom Zensus bis zum Religionsmonitor – belegen. Dieser Pluralismus nimmt zu: in einer entgrenzten Welt, in einer Welt der Menschen- und Fluchtbewegungen, der globalen Kommunikation und des weltweiten Kulturaustausches. Es gibt nicht (mehr) den einen gültigen, den religiösen oder areligiösen Deutungsrahmen sozialen und individuellen Lebens. Religionen selbst werden wie Agnostizismus und Atheismus individualistischer und also pluraler verstanden und gelebt.

Für diese Verhältnisse eines »verschärften« Pluralismus scheint mir der Rahmen, den unser Grundgesetz bietet, sehr passend. Die Bundesrepublik Deutschland ist durch ein besonderes Verhältnis von Staat und Kirche geprägt. Der Staat des Grundgesetzes ist weltanschaulich neutral, er verficht selbst keine Weltanschauung und ermöglicht so die Religions- und Weltanschauungsfreiheit seiner Bürger. Man hat dieses Verhältnis von Staat und Kirche als ein Verhältnis der »respektvollen Nichtidentifikation« bezeichnet. Durch diese Zurückhaltung gibt der Staat ausdrücklich Raum für die Überzeugungen seiner Bürger, die die Zivilgesellschaft prägen und damit auch den Staat tra

Wählen Sie Ihren Zugang und lesen Sie direkt weiter.

Digital-Zugang
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen
Digital-Zugang für "Publik-Forum"-Print-Abonnenten
  • Ergänzend zu Ihrem Print-Abonnement
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen